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Was kann Nachhaltigkeit leisten? Eine kritische Reflektion.

Schutz vor Totalschaden

Nachhaltigkeit
Foto: Casalis
Ist Helmut Schmidt Urvater eines aufgeklärten Gestaltungsbegriffs? Seine Idee einer „klaren Vorstellung“ anstelle von Visionen könnte nicht nur in der Politik weiterhelfen. Von den Voraussetzungen für nachhaltiges Handeln.

Autor Thomas Edelmann

Was hat Nachhaltigkeit mit der Mobilität oder mit Wohnkonzepten zu tun? Zu wenig, könnte man sagen. Und doch lieben wir es, wenn Anbieter von mehr oder minder banalen Produkten uns eine glorreiche Zukunft vorgaukeln.

Die „Zukunft des Wohnens“, die „Zukunft der Küche“ und das „Auto der Zukunft“ müssen mehr noch als die real erhältlichen Produkte immer wieder neu erfunden und mit Verheißungen aufgeladen werden. Diese Modelle künftiger Gegenstandswelten demonstrieren uns, wie entspannt und reibungslos das Leben eines Tages vor sich geht. Man könnte es auch spannungsarm nennen.

Alles wäre demnach künftig anders als in der Gegenwart. Dabei funktioniert manches bekanntlich heute schon besser, als etwa zu Zeiten der Höhlenbewohner, selbst die Deutsche Bahn.

Folgen wir den hübschen Visionen, werden wir Umweltprobleme bald nicht mehr kennen, soziale Fragen schon gar nicht. Denn wir bewegen uns in den höheren Sphären einer Verschmelzung von Technik und Leben. Und die war schon für Walter Gropius ein probates Hilfsmittel, als er 1921 die Abkehr von der expressionistischen Frühphase des Bauhauses proklamierte und forderte, „Kunst und Technik“ mögen „eine Einheit“ bilden.

Präzision statt Vision

Wir leisten uns Visionen, auch wenn sich diese oft schon als Trugbilder erwiesen haben. Ein bekannter Politiker, im Dezember vor 100 Jahren geboren, wurde immer wieder für seinen Satz kritisiert: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Helmut Schmidt wurde diese Äußerung als Mangel an Fantasie ausgelegt. Oder fehlte ihm einfach die Emphase für etwas, das wir zusammenfassend und ohne jede Präzision „Zukunft“ nennen? Dem ihm zufolge vor allem in der politischen Sphäre unbrauchbaren Schlagwort „Vision“ setzte er seinen Begriff der „klaren Vorstellung“ entgegen, die ihm weniger nebulös und geeigneter erschien, um Ziele zu definieren und auch zu erreichen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen

Man muss kein Anhänger von Helmut Schmidt sein, um ihm in dieser Frage zuzustimmen. Schließlich dürften wir es seit langem besser wissen.

Schon die historischen Futuristen waren politisch unzuverlässige Gesellen. Ihre Zukunft wollten sie ausweislich ihrer Manifeste herbeibomben und -kartätschen. Zur Durchsetzung ihrer ästhetisch-poetisch-politischen Gesamtvision ließen sie sich auf den italienischen Faschismus ein. Einige von ihnen waren mindestens so sehr Faschisten wie sie Futuristen waren. Als erklärte Museums- und Geschichtsverächter sollten uns die Futuristen heute suspekt sein, da unsere gegenwärtige Kultur zu großen Teilen auf Historisierung und Überhöhung einzelner Epochen beruht. Dennoch bezeichnen wir Dinge, die uns unvertraut oder vertraut-visionär erscheinen, immer wieder gerne als „futuristisch“.

Was bedeutet Nachhaltigkeit?

Ein auch ästhetisches Gegenmodell ist die Nachhaltigkeit. Aus der Forstwirtschaft entlehnt, besagt dieser Begriff, dass man abholzen soll, aber auch aufforsten, dass man beides mit Bedacht und Voraussicht tun soll, um einen wirtschaftlichen wie ökologischen Totalschaden zu vermeiden.

Bekanntermaßen ist es schwer, Nachhaltigkeit ohne Weiteres auf Lebensbereiche außerhalb des Waldes zu übertragen. Noch schwerer, sie zu messen und zu bewerten, weshalb wir Gesellschaften für Nachhaltigkeit ins Leben rufen, die für uns messen, bewerten, zertifizieren. Wenn wir mit unseren Begriffssystemen nicht recht weiterkommen, weil wir uns auf schwankendem Boden bewegen, wo wir stabile „klare Vorstellungen“ wünschen, ergänzen wir einen offenen Begriff durch weitere wie „Effizienz“ oder „Schonung von Ressourcen“.

Vorstellung von Energiepolitik ist heute weniger klar

Man sollte sich in der Tat fragen, ob es richtig ist, Urwälder in Osteuropa abzuholzen, um möglichst billige Einrichtungsgegenstände herzustellen. Erst recht, wenn diese weder ästhetisch, noch funktional Bestand haben.

Schmidt beispielsweise hatte in seiner Zeit als Bundeskanzler (also zwischen 1974 und 1982) eine „klare Vorstellung“ von Energiepolitik, zu der selbstverständlich die Nutzung von Kohle und Atomenergie gehörten. Unsere Vorstellung mag heute weniger klar sein, allerdings scheint uns ausgemacht, dass diese beiden Energieträger in unseren Breiten demnächst nicht mehr zum Einsatz kommen sollten. Das mag einer europäisch-eskapistischen Sichtweise entspringen, hierzulande beschreibt sie längst die Realität, hat also eine neue „klare Vorstellung“ geformt.

Haben wir eine solche auch von der Nachhaltigkeit? Der Anteil regenerativer Quellen am Energiemix liegt mittlerweile bei einem Drittel. Um nachhaltige Produkte, wie immer wir sie definieren, dürfte es weniger rosig stehen. Es gibt sie, sie haben einen gewissen Marktanteil, vor allem bieten sie dem Marketing Anlass zur Kommunikation.

Was taugt als Vorbild in Sachen Umweltschutz?

Doch konventionelle Produkte, die gängige Standards zwar berücksichtigen, sie aber nicht übertreffen, spielen die weitaus größere Rolle. Apropos Standards: Zu den größten Missverständnissen im Rahmen einstmals geplanter transatlantischer Freihandelsverträge gehörte, dass die europäische Seite in Sachen Umwelt weit vorn sei und die amerikanische rückständig. Ein Blick auf die Auseinandersetzungen um betrügerische Vorgehensweisen der Autoindustrie zeigt, wie wenig haltbar dieses Vorurteil ist.

Wer andere Umwelteigenschaften zusichert, als er bereit ist einzuhalten, und daher zu Lasten seiner Kunden und der Allgemeinheit eigene Produkte verfälscht, muss sich im Rechtsstaat vor Parlamentsgremien, vor Umweltbehörden und der Justiz verantworten. Es waren US-Behörden, die auf Einhaltung der Standards pochten, während europäische, allen voran deutsche Politiker, längst vereinbarte und anerkannte Regeln aufweichen möchten.

Das Auto der Zukunft? Die eierlegende Wollmilchsau

Damit steht zugleich die Definition des automobilen „Premium“-Konzepts infrage, das stets versprach, wenn nicht heute, so doch in Zukunft die eierlegende Wollmilchsau zu offerieren: Lieb zur Umwelt, familientauglich, zugleich protzig im Auftritt und PS-stark wie nie zuvor. Voraussetzung jeder Nachhaltigkeit ist, politisch und sozial verstanden, dass der Rechtsstaat den Rahmen festlegt und dessen Geltung durchsetzt. Ästhetisch gesprochen sind wir durch die Idee der Nachhaltigkeit herausgefordert.

Muss, was nachhaltig ist, tatsächlich massiv, erdfarben und schwerfällig aussehen? Muss, was zukunftssicher sein will, kantig, glatt und aseptisch wirken? Folgen Gestalter von Innenräumen und von Produkten nicht viel zu sehr den Konventionen? Es scheint, wir brauchen neue Begriffe für eine selbstbewusste Gestaltung, die Herausforderungen annimmt, statt sie hinter einem gefälligen Material- und Farbkanon zu verbergen.

Weitere Beiträge zum Thema finden Sie hier

www.umweltbundesamt.de

https://www.md-mag.com/green/critic/china/


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