Learning + Innovation Center

Prototyping Culture

Mitarbeiter, Kunden und Fachhandelspartner erleben bei Steelcase in München, wie sich Bürowelten in einem ständigen Lernprozess ändern. Der interaktive Austausch wirkt sich auf die Produktentwicklung aus.

Autorin Gabriele Benitz

Die Brienner Straße in München ist vielen wahrscheinlich durch das 2015 eröffnete NS-Dokumentationszentrum bekannt. Doch es gibt in dieser Straße seit einigen Monaten ein weiteres Gebäude, das zum Lernen anregen soll. Gemeint ist das „Learning + Innovation Center“ des Büro- und Objektmöbelherstellers Steelcase.

Es wurde im Oktober 2017 eröffnet und beherbergt rund 150 Mitarbeiter aus 25 verschiedenen Nationen. Dazu wurden drei von acht Gebäudeteilen des Energieversorgers EON für die Zwecke des Bauherrn umgebaut, um Beschäftigten und Kunden ein inspirierendes Umfeld zu bieten.

Ein Teil der Fläche ist öffentlich zugänglich. Einladend wirkt nicht allein die große Fensterfront des Eckgebäudes, sondern besonders das Foyer. Es wartet nicht wie sonst üblich mit einem Empfangstresen und ein paar Wartesesseln auf. Vielmehr kann man am Stehtisch auf Barhockern Platz nehmen, auf einem der bequemen Sessel oder den Sitzbänken vor dem Fenster. Durch die Positionierung der Möbel an der Fassadenseite entsteht der Eindruck eines Schaufensters.

Die Möblierung vermittelt einen wohnlichen Charakter. Diese Wahrnehmung unterstreichen der Holzfußboden, die Teppiche und die mit Walnusslamellen verkleidete Rückwand, die sich ins darüber liegende Mezzaningeschoss fortsetzt. Die geschwungene Treppe erweckt den Eindruck von Eleganz.

Geht man die Treppe hoch und wendet sich zweimal nach rechts, fällt der Blick von einer Empore auf den darunter befindlichen Eingangsbereich. Auch hier oben umfängt einen eine wohnliche Atmosphäre. Gemütliche Sessel und Sofas, eine Bibliothek mit Designbüchern und ausgefallenen Objekten sowie ein Kaminfeuer auf dem Monitor machen die Zone zu einem idealen Aufenthaltsort für informelle Besprechungen oder um aufzutanken.

Kommunikation steht obenan

Auf der gegenüberliegenden Seite des Mezzanins befindet sich das sogenannte Workcafé mit einer Kaffeebar und Stehtischen. „Hier ist immer etwas los“, sagt Steelcase-Deutschland-Sprecher Martin Knobel. An diesem Tag haben sich Fachhändler mit ihren Kunden eingefunden, um die neuen Räumlichkeiten zu begutachten.

Der Studiocharakter der vom französischen Designer Patrick Jouin beziehungsweise seinem Studio Patrick Jouin/Jouin Manku umgestalteten Räume ist offensichtlich. Den Bezug zum Konzern stellt Knobel her: „Wir sind mit unserem Center Teil eines globalen Innovationsnetzwerks.“

Für die Tatsache, dass sich Steelcase Deutschland von seinem bisherigen Verwaltungsstandort in Rosenheim weitgehend verabschiedet hat und in die Landeshauptstadt umgezogen ist, nennt James Ludwig zwei wesentliche Gründe. „Unsere internationalen Kunden legen hier nun bereitwilliger einen Zwischenstopp ein als vorher in Rosenheim“, betont der Leiter des weltweiten Steelcase-Designteams. Überdies könne man qualifizierte Kräfte eher in die bayerische Metropole holen als in die Provinz.

Obenan in der Unternehmenskultur steht die Kommunikation. Dafür schufen die Planer beim Büro- und Objektmöbelhersteller die notwendige Umgebung. Von den früheren Zellenbüros, den langen Gängen und einer schmalen, die Stockwerke verbindenden Wendeltreppe ist heute nichts mehr zu erkennen. Der Innenraum wird von einer breiten, vom zweiten bis zum vierten Obergeschoss führenden Holztreppe bestimmt. Durch die so entstandene offene Gestaltung kann man von jeder Etage aus in die anderen beiden Geschosse schauen.

Feste Arbeitsplätze gibt es nicht. Gleichwohl sitzen die Teammitglieder beieinander. Diejenigen Teams, die stark auf den Austausch untereinander angewiesen sind, befinden sich auf der einen Seite des Gebäudes. Abteilungen wie Buchhaltung und Personal, die mehr Abgeschiedenheit benötigen, sind in ruhigeren Zonen untergebracht.

Workbenches und Lounges

Bewegliche Trennwände, zum Teil aus akustischen Gründen mit Filzoberflächen ausgestattet, und Stauraummöbel separieren die einzelnen Teambereiche. Generell sind sie so angeordnet, dass die Fokusarbeitsplätze an den Fensterfronten und die Meetingräume im inneren Gebäudeabschnitt liegen.

Als Standardarbeitsplätze dienen Workbenches in Vierer-, Sechser- und Achterkonstellationen. Für Projektgruppen stehen vom zweiten bis vierten Obergeschoss passende Zonen bereit, die sogenannten „Learning Studios“. Sie sind mit Tischen in Stehhöhe und kleinen, abnehmbaren Whiteboards bestückt. Bereiche, die eher wie eine kleine Lounge wirken, grenzen direkt an die Teamzonen an.

Wer sich mal kurzzeitig zurückziehen will, kann auf dem Sessel „Brody Worklounge“ auf den offenen Flächen Platz nehmen. Weil die hochgezogene Rückenlehne der Sessel mit einer Lumbalstütze ausgestattet ist, kann man auf den Polstern sogar für eine längere Zeit bequem sitzen. Die neueste Version weist sogar eine Sitzheizung auf.

Auch die Architektur selbst ist in das Möblierungskonzept einbezogen. Davon zeugen die tiefen Fensterbänke. Mit Polstern werden sie zur einladenden Sitzfläche.

Mit technischen Raffinessen warten einige der verglasten Konferenzräume auf. Die Außenseite der Wände verhüllt eine transparente Folie der Steelcase-Tochter Designtex, die geometrische Muster aufweist. Dadurch können außen Vorbeigehende ins Innere des Raums sehen. Die Darstellungen der LED- und LCD-Bildschirme erkennen sie gleichwohl nicht. Diese sind lediglich als schwarze Kisten wahrnehmbar. Damit ist eine gewisse Privatsphäre gewahrt.

Mitarbeiter, die nur hin und wieder nach München kommen, können die sogenannte „Hotdesking-Zone“ mit Stehtischen und -hockern, Wandbildschirmen, Black- und Whiteboards in der Nähe des Work Cafés aufsuchen.

Die Beschäftigten haben somit eine große Auswahl an Orten, an denen sie arbeiten können. Dass im kompletten Gebäude, im überdachten Atrium und auf der Dachterrasse WLAN vorhanden ist, versteht sich von selbst.

Co-Creation-Area

Die digitale Omnipräsenz kommt auch den Kunden zugute, die sich über moderne Arbeitsplatzkonzepte informieren wollen. Ein besonderes Highlight findet sich im fünften Obergeschoss. Der Hub im Sinne einer Co-Creation-Area umfasst drei verschiedene Studios. Hier erleben die Besucher auf Basis von Design-Thinking-Methoden, wie sie ihre Eindrücke auf ihre eigenen Anforderungen übertragen können.

In einem dieser Studios stehen Virtual-Reality-Techniken im Vordergrund. Dort werden auf großen Monitoren beispielsweise Fotos von anderen Steelcase-Standorten eingespielt. Das erweitert den Erfahrungshorizont.

Der sogenannte ‚Map Table‘, bisher noch ein Prototyp, lädt zur Interaktion ein. Er sieht wie ein riesiges, liegendes iPad aus. Auf dem Monitor lassen sich die Grundrisse der einzelnen Etagen aufrufen. Die um den Tisch versammelten Kunden vollziehen hier nach, was sie auf ihrem Rundgang durchs Gebäude besonders interessiert hat. Mit einem GPS-fähigen Handy konnten sie auf jeder Etage an den für sie interessanten Stellen clicken. Die Koordinaten wurden gespeichert.

Das erinnert an Geocaching. Auf den digitalen Grundrissen ploppen jeweils Bilder der Raumsituationen und Produktinformationen der Möbel auf. Die Produktinformationen lassen sich wahlweise auf die kundeneigene Website schicken.

Zonierungsplan als Ziel

Interessierten sich die Gäste eher für Bereiche mit stärkerer Privatsphäre oder für Kollaborationszonen? „An diesen Schnittpunkten denken unsere Kunden darüber nach, in welche Richtung sie bei der eigenen Raumgestaltung gehen wollen“, nennt Knobel das Ziel des Technikeinsatzes.

Zusammen mit den Ergebnissen einer Selbstreflexionsanalyse im Rahmen von Workshops, in denen die Kunden mit analogen Mitteln den Status quo ihrer Arbeitsumgebung beschreiben, entstehen ein grober und im Anschluss ein feiner Zonierungsplan. Sie dienen den Besuchern und Bürofachhändlern als Beratungstool.

Solche Methoden unterstützen auch die Beschäftigten bei ihrer Tätigkeit. Die Mitarbeiter sind Teil einer Unternehmenskultur, die sich im ständigen Wandel versteht. So verwundert es nicht, dass zwischen ihnen und den Kunden ein enger Austausch stattfindet. Das geht erstaunlich weit, betont Ludwig. „Wir leben eine Prototyping Culture. Das bedeutet, dass wir vertraglich mit unseren Kunden festlegen, dass die Möbel wie Prototypen zu verstehen sind, die auch wieder zurückgenommen und verbessert werden.“ Man könnte es als Hybrid-Modell zwischen Leasing und Kauf bezeichnen. Für die Mitarbeiter in München heißt das, dass auch sie sich mit Prototypen umgeben, die sie permanent überarbeiten.

Das Gebäude soll den fortlaufenden Lernprozess unterstützen. Ludwig weitet diesen Ansatz auf die gesamte Unternehmenskultur aus: „Schnell und agil bleiben, auch bei steigender Mitarbeiterzahl.“

Lesen Sie auch das Interview mit James Ludwig.

Webseite des Herstellers

Ein Interview mit James Ludwig finden Sie hier


Teamleiter James Ludwig

war federführend für die Gestaltung des Steelcase Design Teams. Die Bestandsgebäude stammen von Henn Architekten. Designer Patrick Jouin übernahm große Teile der Innenarchitektur.


Factsheet

Projekt: Steelcase Learning + Innovation Center Munich

Standort: Brienner Str. 42, 80333 München

Bauherr: Steelcase

Bauaufgabe: Umbau Bestandsobjekt

Fertigstellung: September 2017

Grundstücksgröße:  17 000m² Bruttogeschossfläche, davon Brienner Forum: 8 800m²

Geschosse: 7

Nutzfläche: 12 200m² Nettoraumfläche

Architekt: Henn Architekten, Steelcase Design Team

Innenarchitekt: Patrick Jouin, Steelcase Design Team

Materialien (Decke, Wand, Boden): Amerikanisches Walnussholz, Eiche, Glas, Beton, lackierter Stahl, Edelstahl, Kupfer, Lavastein

Möblierung/Sanitär/Beleuchtung/Hauskommunikation:

Möbel: Steelcase Global Portfolio, Coalesse, Bolia

Sanitär: Duravit, Geberit, Vola, Grohe, d-line

Beleuchtung: XAL, Targetti, Erco, LTS, Trilux