Versuchsgebäude aus recycelten Materialien in Dübendorf

Recycling Unit

Wie sieht ein Bauwerk aus, das aus wiederverwerteten Materialien besteht und sich nach Gebrauch recyceln lässt? Dieser Frage gehen Forscher mit einem Testgebäude in der Schweizer Gemeinde Dübendorf nach. Zwei Studenten bewohnen das Experiment.

Autor Christian Schönwetter

Auf deutschen Mülldeponien bestreitet Bauschutt den Löwenteil der Abfälle. Seit Langem arbeiten Forscher daher an der Frage, wie man Gebäude so planen kann, dass sie sich nach Gebrauch komplett recyceln lassen.

Werner Sobek etwa hat bereits einige Prototypen verwirklicht, die nach ihrer Demontage keinerlei Schutt erzeugen. Der Stuttgarter Architekt, Ingenieur und Hochschullehrer möchte den Rohstoffverbrauch der Baubranche drastisch reduzieren.

„Das nach wie vor anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung sowie zur Neige gehende Ressourcen erfordern dringend ein Umdenken“, so Sobek. „Wir müssen künftig mit sehr viel weniger Materialien für sehr viel mehr Menschen bauen.“

Nun hat er sich mit seinen Karlsruher Kollegen Dirk Hebel und Felix Heisel zusammengetan, um noch einen Schritt weiter zu gehen: Gemeinsam haben sie ein Wohnmodul realisiert, das zum großen Teil aus bereits wiederverwerteten Materialien, also letztlich aus Abfall, besteht. Jeansfasern dienen beispielsweise als Dämmung, verpresste Getränkekartons als Innenwand. „Die verwendeten Materialien werden nicht verbraucht und dann entsorgt, sondern für eine bestimmte Zeit aus ihrem Kreislauf entnommen und später wieder in diesen zurückgeführt“, erklärt Hebel das Konzept.

Als Standort für ihr Modul wählten die Forscher die Schweiz. In Dübendorf, einer Gemeinde vor den Toren Zürichs, betreibt die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) ein mehrgeschossiges Versuchsgebäude. Mit seinen Betonplattformen gleicht es einem riesigen Lagerregal oder Setzkasten. Es bietet Platz für 12 bis 15 sogenannte Units, eingeschobene Wohn- oder Büroeinheiten mit jeweils eigener Fassade, anhand derer unterschiedliche Teams ihre Ideen im Maßstab 1:1 auf Herz und Nieren prüfen können.

Das Modul von Sobek, Hebel und Heisel liegt im zweiten Obergeschoss und heißt „Urban Mining & Recycling Unit“. Wie der Name bereits andeutet, betrachten die Forscher die Stadt als eine große Mine, in der man durch Wiederverwertung Rohstoffe schürfen kann – die gebaute Umwelt als Materiallager der Zukunft.

Einsatz gebrauchter Bauteile

Vorrang hat das direkte Wiederverwenden von ganzen Bauteilen. So ist etwa die Fassade mit Kupferplatten verkleidet, die früher als Dachdeckung eines Hotels in Österreich dienten. Die bronzenen Türgriffe stammen aus einem Brüsseler Bankgebäude.

Als nächstes griff man auf Elemente aus recycelten Rohstoffen zurück, zum Beispiel bei der Wandverkleidung im Bad: Die Paneele stellt ein englischer Lieferant aus Polypropylenresten her. Wo es nicht anders ging, wurde schließlich auch neues Material verbaut – allerdings nur solches, das sich entweder weiternutzen, verwerten oder kompostieren lässt. Damit beispielsweise das Grundgerüst aus Holzbalken nicht als Sondermüll endet, verzichtete man auf chemischen Holzschutz.

Die Schwierigkeit bestand darin, die Bauteile so miteinander zu verbinden, dass sie sich rückstandsfrei voneinander lösen und sortenrein trennen lassen. Das Schließen von Fugen mit Bauschaum oder Silikon galt daher als ebenso tabu wie der Einsatz von Mörtel. „Sämtliche Verbindungen können einfach rückgängig gemacht werden, weil die Materialien beispielsweise nicht verklebt, sondern gesteckt, verschränkt oder verschraubt sind“, erläutert Heisel.

Nach diesen Prinzipien haben die Planer eine Dreizimmerwohnung verwirklicht, die zwei Studenten als Wohngemeinschaft nutzen. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, wie die verwendeten Baustoffe im ganz normalen Wohnalltag funktionieren. Bleiben die Verbindungen dauerhaft dicht? Bieten die Dämmungen den versprochenen Wärme- und Schallschutz? Wie altern die Materialien?

Da es sich um ein Experiment handelt, sind Fehler möglich und einkalkuliert. Sie dienen den Forschern als Grundlage zum Weiterentwickeln der kreislauforientierten Bauweise. Wenn die „Urban Mining & Recycling Unit“ dann in fünf Jahren hinreichend untersucht ist, müssen die beiden Studenten ausziehen. Dann wird die Einheit in ihre Einzelteile zerlegt und im Anschluss ensteht im Dübendorfer Testgebäude Platz für das nächste begehbare Wohnlabor.

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Factsheet

Projekt: Urban Mining & Recycling Unit

Bauherr: Eidgenössiche Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa), www.empa.ch, Dübendorf, Schweiz

Konzeption, Entwurf und Objektplanung: Werner Sobek mit Dirk E. Hebel und Felix Heisel, Stuttgart und Karlsruhe, Deutschland

Materialien (Decke, Wand, Boden):

Wandverkleidung Schlafzimmer: teilweise wiederverwerteter ‚Designfilz Natur‘ von M&K Filze

Wandverkleidung Bad: ‚Black Dapple Sheets‘ aus 100 % wiederverwertetem Polypropylen von Smile Plastics

Trägerplatte Wohnzimmerwand: ‚NakedBoard‘ aus Getränkekartons von ReWall

Dämmung Innenwand: ‚UltraTouch Denim Insulation‘ aus 80 % wiederverwerteten Jeansabfällen von Bonded Logic

Teppich: etwa 50 % wiederverwertete ‚Eco Base Carpet‘-Tiles von Desso