Neubau CHUM – Centre Hospitalier de l’Université de Montréal in Montréal/Kanada

Menschlicher Massstab

Wer den größten Gesundheitsneubau in der Geschichte Nordamerikas baut, darf ob der schieren Dimension nicht die Patienten, Pflegekräfte und Besucher aus dem Auge verlieren. CannonDesign + NEUF architect(e)s ist das beim CHUM gelungen.

Autor Thomas Geuder

Montréal (bitte französisch ausgesprochen, schließlich befinden wir uns hier in Kanadas französischsprachiger Provinz Québec) ist mit fast 1,7 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes, nach (dem englischsprachigen) Toronto. Rechnet man die Metropolregion hinzu, die die Île de Montréal nahezu kreisförmig umgibt, sind es sogar über 4 Mio. Menschen, die hier leben, arbeiten – und ab und an medizinische Hilfe benötigen.

Entsprechend gut ausgestattet war Montréal bereits mit verschiedenen Krankenhäusern und medizinischen Forschungsstätten. Drei davon wur- den bzw. werden derzeit unter einem Dach vereint: das Hôpital Notre-Dame de Montréal, das Hôpital Saint-Luc und das Hôtel-Dieu de Montréal. Das dadurch neu entstandene Krankenhaus nennt sich CHUM – Centre hospitalier de l’Université de Montréal, das genau genommen als Netzwerk bereits seit 1996 besteht, nun aber auch örtlich gebündelt ist.

Ein Haus für die Stadt

Der Neubau, eigentlich ein Ensemble aus mehreren Neubauten, an denen seit nunmehr fast zehn Jahren geplant und gearbeitet wird, entsteht im Osten der Stadt, nur drei Blocks entfernt vom Sankt-Lorenz-Strom. Zwei Blöcke der weitgehend orthogonalen Stadtstruktur nimmt das Ensemble hier ein und reklamiert damit für sich, der größte Gesundheitsbau in der Geschichte Nordamerikas zu sein.

Die Zahlen sprechen für sich: 22 Stockwerke oberhalb und 5 Stockwerke unterhalb der Straßenebene, am Ende 9 Gebäudeteile, eine Fläche von umgerechnet knapp 280 000 m², 772 Patientenzimmer, 400 Behandlungszimmer, 40 Operationssäle, das sind über 12 000 Räume insgesamt – und 13 großformatige Kunstwerke.

Hier entsteht nicht weniger als ein Zentrum, in dem sich wirklich alles wiederfindet, was mit den Themen Medizin und Gesundheit zu tun hat, von der ambulanten über die stationäre Versorgung und die Forschung (im CRCHUM – Centre Recherche CHUM) bis hin zu öffentlichen Flächen mit Amphitheater.

CHUM ist das neue Quartier de la Santé

So soll nicht nur das gesamte Quartier neu belebt, sondern ein ganzer Gesundheitsbezirk mit Strahlkraft entwickelt werden: das „Quartier de la Santé“.

Wichtig bei der Planung war den Architekten von CannonDesign und NEUF architect(e)s zunächst, diese enorme Masse sinnvoll zu stemmen, damit das Krankenhaus so schnell wie möglich zur Verfügung stehen kann. Ihr Plan: Parallel zum Bau des 2013 fertiggestellten Forschungszentrums CRCHUM in direkter Nachbarschaft wurde das Baugelände freigeräumt, lediglich das Hôpital Saint-Luc blieb erhalten.

Mit der Bauphase I wurde dann der größte Teil – etwa 85 % der gesamten Baumasse – errichtet, ein funktionierendes Krankenhaus mit Diagnose- und Therapieeinrichtungen, ambulantem Zentrum sowie einigen Logistikflächen.

In der Phase II wird derzeit das noch bestehende Hôpital Saint-Luc abgerissen und durch ein weiteres Ambulanzzentrum sowie Verwaltungs- flächen ersetzt. Diese Bauphase beinhaltet auch den Bau eines Amphitheaters mit 500 Plätzen, dessen kupferfarbene Fassade und abgerundete Form dem ansonsten recht funktional gestalteten Ensemble einen städtebaulichen Mittelpunkt gibt.

Eingebunden in den Bau sind außerdem originale Artefakte von Bauwerken, die sich hier einst befanden: der Turm der Kirche Saint-Saveur sowie zwei Fassaden des Maison Garth. Damit wollen die Architekten zumindest punktuell eine Art heimelige Maßstäblichkeit zurückholen – vor dem superlativen Hintergrund freilich ein mühsames Unterfangen.

Ganzheitliche Choreografie

Im Innenraum streben die Planer ein Wohlfühl-Ambiente an, mit fachkundigem Personal und modernster medizinischer Ausrüstung natürlich, aber auch mit „zeitgenössischer Architektur“: eine gesunde Atmosphäre, die hohe Standards erfüllt, auch und vor allem was Licht und Luft betrifft.

So lassen große Fenster viel Tageslicht herein, umgekehrt hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Die enorme Anzahl an Räumen wurde durch ein Standardisierungskonzept mit nur wenigen Raumtypen bewerkstelligt, die einfach multipliziert werden konnten.

Der Genesung zuträglich soll schlussendlich auch die Kunst am Bau sein, die beim CHUM sogar weit mehr als das gesetzlich vorgeschriebene eine Prozent des Budgets in Anspruch nahm. So schmücken 13 großformatige, weithin sichtbare Werke die Außenhaut.

Räumliche Großzügigkeit, freundliche, nicht knallende und psychologisch wirksame Farben, hochwertige Materialien, Spiegelwände, leuchtende Elemente oder eine Skybridge als Design-Interventionen sollen den Aufenthalt für Patienten, Besucher und Mitarbeiter in der Gesundheitsmaschine auf ein menschliches bzw. menschenfreundliches Level holen.

Die vielen öffentlich zugänglichen Bereiche suchen das Bauwerk mit der Stadt und den Menschen zu verbinden und die Distanz, die man für gewöhnlich zu Krankenhäusern hat, zu nehmen. Dass dieses Gesamtpaket ankommt, zeigen die Preise, mit denen das CHUM ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem ‚Inside Award‘ auf dem World Architecture Festival 2017, dessen Jury das CHUM als „urbane Erfahrung“ kennzeichnet.

Die Choreographie des Bauwerks mit dem Blick auf die Stadt sei bemerkenswert. Bleibt also nur noch zu ergänzen, dass „chum“ übersetzt so viel wie „Kumpel“ heißt, womit auch dieser letzte Bezug zum Menschen – um den es hier ja eigentlich geht – hergestellt wäre.

Lesen Sie das Interview mit den Architekten hier


Architekten

Azad Chichmanian Partner bei NEUF architect(e)s (links) und Gustavo A. Lima von CannonDesign bei der Inside-Preisverleihung 2017 in Montréal.

Portrait: World Architecture Festival

Factsheet

Projekt: Centre hospitalier de l’Université de Montréal (CHUM)

Ort: 1000 rue Saint-Denis, Montréal / CDN

Fertigstellung: 2017

Bauzeit: 2000–2017 (Bauphase I), 2021 (Bauphase II)

Stockwerke: 22 + 5

Geschossfläche: rund 279 000 m²

Architekten: CannonDesign Toronto, New York, etc. mit NEUF architect(e)s Montréal / Ottawa

Leitende Direktoren: Jose Silva, AIA und Azad Chichmanian, OAQ

Bauherr: Construction Santé Montréal

Ingenieure: Pasquin St-Jean, HH Angus, Groupe SM

Landschaftsarchitekten: NIP Paysage

Materialien:

Vorhangfassade: GAMMA; Kirchturmspitze: Uginox; Architekturglas: Chronoglas; Aufzüge: Kone; Innenraumglas: Vitrerie Sur Mesure Inc.; Vinylboden: Gerflor Group; Terrazzoboden: Franklin Terrazzo Company Inc.; Deckensystem: Armstrong Ceilings; Akustikpaneele: Decoustics; Wandverkleidung Metall innen: Carritec Inc.

Möblierung: Groupe Lacasse, Global Furniture Group