Hotel EMC2 in Chicago/USA

Die Formel

E=mc2, das 1905 von Albert Einstein im Rahmen der Relativitätstheorie entdeckte Naturgesetz der Äquivalenz von Masse und Energie ist Namensgeber für ein Hotel in Chicago. Wissenschaft und Kunst wollen die Architekten hier vereinen.

Autor Rolf Mauer

Es sind Ideen, die uns antreiben, und nicht Stile oder Designmethoden“, erklären uns David Rockwell, Inhaber des Architektur- und Designunternehmens Rockwell Group und Greg Keffer, Partner und Studio Leader für das Hotel EMC2-Projekt. Und sie ergänzen: „Mit dem EMC2 wollte die Rockwell Group einen Moment einfangen, der durch die sich überschneidenden Welten von Kunst und Wissenschaft entsteht. Unser Designkonzept feiert und entfacht eine Lust an Kreativität und Innovation und lädt Besucher zum Entdecken ein.“ Hehre Worte der selbstbewussten Planer.

Anlässlich der Chicago Architecture Biennial im September vergangenen Jahres hatte ich die Gelegenheit, bei 32 Grad Außentemperatur ein paar herrliche Tage lang im EMC2 zu logieren. Ich fühlte mich erkennbar wohl in diesem erst 2017 fertiggestellten Haus; war aber auch etwas irritiert. Auf den fünf bis sechs Sitzplätzen in der Lobby fand unsere kleine Reisegruppe immer Platz. Immerhin hat das Hotel 21 Stockwerke und 195 Zimmer! Wir fragten uns: Wo sind die anderen Gäste?

Offensichtlich ist das Hotel sehr gut organisiert. So viel Volumen das Gebäude auch in der Höhe hat, die Parzelle bot keine Möglichkeiten, in die Breite zu gehen. Für einen Gästeansturm ist daher wenig Platz und so sorgt eine raffinierte Aufzugsteuerung für den zügigen Transport. Statt eines einzigen Aufzugknopfs gibt es gleich 21, um in die oberen Geschosse zu gelangen. Das Ziel gibt man gleich bei der Kabinenanforderung bekannt. Eine smarte Elektronik sorgt dafür, dass der Gast ohne Zwischenstopp direkt auf seiner Etage hält.

Die sehr kleine, intime, wohlgestaltete Lobby bietet eine wohnliche Atmosphäre. „Eklektische Möbel“ (O-Ton) und farbenfrohe Teppiche definieren Zonen, in denen Gäste relaxen können. Signifikant. Ein Faltparavent mit fiktiven Wolkenformationen, davor das Empfangspult im unternehmensspezifischen Design aus glänzendem, poliertem Roségold und Glas. Die Kleinteiligkeit der Innenarchitektur wirkt identitätsbildend, sie bietet dem Auge viele Orientierungspunkte und sorgt für ein unverwechselbares Raumgefühl.

Neben der schmalen Lobby blieb nur noch Platz für ein kleines Restaurant. Abgesehen von der von KOO Architecture gestalteten Fassade, ist dies eine der großen Attraktionen des EMC2. Offensichtlich ist die Rockwell Group ein Feind glatter Wände und so darf der Gast im Restaurant namens Albert — Einstein war wieder Namenspate — in ein skurriles Durcheinander von Kunst, Objekten und Büchern eintauchen. Das luftige Restaurant mit doppelter Geschosshöhe bietet auf 120 Sitzplätzen eine global inspirierte Küche. Die Architekten wollten eine lebhafte und gleichzeitig lässige Atmosphäre. Nicht alles hier entstand von Hand, das eine oder andere Ausstattungsdetail kam schlicht über Ebay.

Vormittags dürfen die Hotelgäste das Restaurant als Frühstücksraum genießen: die exponiert einsehbare Küche mit einem surrealistischen Wandbild des lokalen Cartoon-Künstlers Jonathan Plotkin und der langen geschwungenen Banquette davor; oder die mit Kupfer und Email verkleidete Bar, über der Glaszylinder hängen, die mit hausgemachten Likören locken. Das Interieur scheint mir vom Steampunk inspiriert, ein Eindruck, der sich in den Gastzimmern wiederholt.

Die Gänge sind mit maßgefertigten Teppichen ausgelegt, deren lebhafte, von mikroskopisch vergrößerten Molekülen inspirierten Muster von schlichter Ästhetik zeugen. Dazu passen die Zimmernummern neben den Türen: Sie werden erst durch beleuchtetes Spiegelglas sichtbar. Die reduzierte Raffinesse wird im Inneren der Hotelzimmer mit wohlich individuellen Akzenten abgerundet. So rahmt ein übergroßes gepolstertes Lederhaupt das Bett. Darüber „Traumszenerien“ auf einer über einen kupferfarbenen Rahmen gespannten Leinwand.

Neugierde weckt ein übergroßer Metallkasten aus Lochblech. Er kaschiert geschickt Minibar samt Kaffeemaschine. Die LED-Leuchte in seinem Inneren beleuchtet dezent den Raum. Auf dem Schreibtisch ragt ein Kupferpfosten mit trompetenförmigem Auslass empor. Es ist nicht gleich ersichtlich, dass das ein mechanischer „Lautsprecher“ ist, in dessen Halterung man sein Smartphone stellen und die eigene Songlist aktivieren kann. Das mit Mosaikfliesen ausgelegte Badezimmer befindet sich hinter einem Vorhang, die nach allen Seiten offene, sehr großzügige Dusche bildet ein eigenständiges Raumelement.

Alexa zu Diensten

Natürlich verlangt ein zeitgemäßes Hotel auch nach den Vorteilen, die uns die Anbieter von Smart-Home-Technologien versprechen. In der Regel reicht dem Gast ja die althergebrachte Technik für die wenigen Parameter, die er steuern möchte. Doch im EMC2 steht dem Gast bereits Alexa Rede und Antwort – sofern dieser seine Fragen auf Englisch stellt. Das funktionierte sehr gut, Alexa ist mittlerweile ein sehr ausgereiftes System. Im EMC2 hat Alexa Anschluss zu zwei kleinen Robotern namens Leo und Cleo. Diese sehen zwar aus wie zwei harmlose Abfallbehälter, erfüllen jedoch ihren Zweck. Eine bei Alexa bestellte Zahnbürste wurde von einem der beiden Roboter zum Hotelzimmer gebracht. Ob Leo und Cleo auch die Betten machen, konnten wir leider nicht beobachten. Chicago ist einfach viel zu sehenswert, um den Tag im Hotel zu verbringen.


Architekt

David Rockwell gründete 1984 die Rockwell Group.

Mitarbeiter: ca. 250,

Arbeitsgebiete: Luxushotels, Kultur- und Bildungsbauten, Krankenhäuser, Produktdesign, Innenarchitektur.

www.rockwellgroup.com

Portrait: © Brigitte Lacombe

Factsheet

Projekt: Hotel EMC2
(Autograph Collection)

Standort: Chicago

Bauherr: SMASHotels (Operator) Marriott International, Inc. (Owner)

Bauaufgabe: Neubau Hotel

Fertigstellung: 2017

Grundstücksgröße: ca. 10 750 m²

Geschosse: 21

Materialien Restaurant Albert:

Email, Kupfer, dunkel gebürstete und weiß gebleichte Eiche;

Infusery, Esstische, Stühle, Barhocker, Banquette sowie Außenmöblierung: Design by Rockwell; Ausstattungsdetails z.T. über Ebay


EMC2 Hotel in Chicago, USA

The Formula

E=mc2, the law of nature expressing the equivalence of mass and energy, discovered Albert Einstein as part of his relativity theory in 1905. It is also the name of a hotel in Chicago. Architects aimed to merge science and art in this development.

Author: Rolf Mauer

“Ideas drive us forwards, not styles or design methods”, David Rockwell, owner of the Rockwell Group architecture and design company and Greg Keffer, partner and studio leader for the EMC2 hotel project explained, adding “with EMC2, Rockwell Group was intending to capture a moment generated by overlapping the worlds of art and science. Our design concept celebrates and inspires a desire for creativity and innovation and invites visitors to discover.” Noble words from assertive planners.

On occasion of the Chicago Architecture Biennial in September last year, I was given the opportunity to spend a few wonderful nights at the EMC2 when temperatures outside reached 32 degrees Celsius. I felt extremely well in this development that had only been completed in 2017, even if I was also slightly confused. Our small group of travelers always found somewhere to sit on the mere five or six seats in the lobby, even though the hotel boasts a whopping 21 floors and 195 rooms! We were puzzled and asked ourselves where all the other guests were.

The hotel is obviously very well organized. Even though the building has plenty of capacity towards the sky, the plot offered no options of extending towards either side. For this reason, there is hardly any space to handle high numbers of guests and consequently an intelligent elevator control system guarantees rapid transport. Instead of having just one elevator button, there are no less than 21 to reach the floors above. Visitors already specify their destination when they ask for the elevator. A smart electronics system makes sure guests are directly taken to their floors without having to stop in between.

The very compact, intimate, and well-designed lobby radiates a homely atmosphere. “Eclectic furniture” (quote) and colorful carpets define zones where guests can relax. Significant. A folding screen with fictitious cloud formations behind the reception desk in corporate design, made of shiny, polished pink gold and glass. The attention to detail in terms of the interior design forms an identity, offering onlookers many points of orientation to create an unmistakable feeling for the space.

Apart from the narrow lobby the building also provides space for a small restaurant. In addition to the façade design by KOO Architecture it represents one of the great attractions at the EMC2. It seems Rockwell Group is not very fond of smooth walls and thus guests of the Albert restaurant — once again named after Einstein — are immersed in a quirky mixture of art, objects, and books. The airy restaurant features a ceiling as high as two floors and provides space for 120 guests as well as a globally inspired cuisine. Architects intended to create a lively and simultaneously relaxed atmosphere. Not everything in the space is hand-made and some design details were simply bought on Ebay.

In the morning, the restaurant doubles up as a breakfast room for hotel guests: from the open kitchen with a surrealist mural by local cartoon artist Jonathan Plotkin to the long, curved walkway or the bar featuring copper and enamel decorations with glass cylinders filled with homemade liquors towering over it. I get the feeling the interior was inspired by steampunk, an impression that is confirmed in guests‘ rooms.

Hallways feature custom-fitted carpets with lively patters inspired by microscopically enlarged molecules to demonstrate plain aesthetics. The room numbers next to doors match this theme perfectly: they are only made visible by illuminated mirror glass. This kind of reduced ingenuity is rounded off inside hotel rooms by homely, individual highlights, such as an oversized, upholstered leather headboard for the bed. Above, “dreamscapes” sit enthroned on a canvas in a copper-colored frame. A metal box made of perforated sheet metal makes onlookers curious. It skilfully conceals the mini bar and coffee machine. The LED lamp inside provides subtle lighting. A copper post with a trumpet-shaped end emerges from the desk. It‘s not immediately obvious that this is a mechanical “speaker” designed as a smartphone cradle to amplify guests‘ personal playlists. The bathroom features mosaic tiles, has been arranged behind a curtain, and the very ample shower is open to all sides as an independent interior design element.

Alexa at your service

It goes without saying that a contemporary hotel also demands the benefits providers of smart home technologies can offer us. Usually guests are happy with traditional technology to control the very few parameters they would like to keep tabs on. However, if guests speak English, they can already rely on Alexa‘s services at EMC2. I must admit, it works very well, Alexa has become a very sophisticated system. At EMC2 Alexa has been linked to two small robots called Leo and Cleo. They might look like to simple trash cans, yet they do what they are supposed to. If you ask Alexa to provide you with a toothbrush, one of the two robots will bring it up to your room. However, I was unfortunately unable to establish whether or not Leo and Cleo also make the beds. There is just too much to see in Chicago to spend the day at the hotel.

Architect

David Rockwell

Established Rockwell Group in 1984

Employees: approx. 250

Working areas: luxury hotels, cultural and educational facilities, hospitals, product design, interior design

www.rockwellgroup.com

Fact Sheet

Project: Hotel EMC2 (Autograph Collection)

Location: Chicago

Owners: SMAS Hotels (operator) Marriott International, Inc. (owner)

Construction task: new hotel development

Completed in: 2017

Plot size: approx. 10 750 m²

Floors: 21

Materials used at Albert restaurant:

Enamel, copper, dark, brushed as well as bleached, white oak

Infusery, dining tables, chairs, bar stools, walkway and outdoor furniture: designed by Rockwell; design details partly purchased on Ebay