Bloomberg Europazentrale, City of London

Datentempel von Foster + Partners

Der amerikanische Unternehmer und Politiker Michael Bloomberg war schon so einiges in seinem Leben: Ingenieur, Vermögensverwalter, Finanzdatenhändler, Investor, Verleger, Philanthrop und nicht zuletzt Bürgermeister von New York. In London baute ihm Foster + Partners ein Bürogebäude, die Bloomberg Europazentrale.

Autor Rolf Mauer

Unbelievable – angesichts der neuen Europazentrale von Bloomberg LP fällt man unweigerlich in die Landessprache. Zwischen der Bank of England und St Paul‘s Cathedral, nur zwei Blocks von der Themse entfernt, steht ein 10-geschossiges Gebäude mit einer eindrucksvollen Fassade aus 9 600 Tonnen Sandstein aus der Grafschaft Derbyshire.

Der Sandstein soll eine Anleihe an die zwischen all den gewaltigen Neubauten unscheinbar gewordene Kirche St Stephen Walbrook und James Stirlings letztem Gebäude, dem postmodernen No 1 Poultry, sein.

Das 1,3 Hektar große Gelände wurde nicht mit dem baurechtlich möglichen Maximum an Kubatur überbaut. Man ließ Raum für drei neue städtische Plätze und führte eine Fußgängerzone durch den Block, die dem Verlauf des heute verdolten Bachlaufs des Walbrook folgt. Für die Londoner ist dieser Neubau eine Wohltat angesichts der 1958 fertig gestellten potthässlichen Vorgängerbauten mit ihren 15 Geschossen. Man ist sichtlich stolz auf diesen „Vertrauensbeweis“ für die Stadt als Zentrum globaler Geschäfte, wie es der Bürgermeister von London, Sadiq Khan, ausdrückte.

Im Auge des Vortex

Foster + Partners sehen sich in ihrer Verantwortung als Architekten auch als Spezialisten für „Sustainability“ und „Workplace Consultancy“, Nachhaltigkeit und Arbeitsplatzberatung. Dieses Engagement lässt sich an der Tatsache ablesen, dass der Neubau die höchste BREEAM-Bewertung erhielt, die ein großes Bürogebäude bislang bekam. Auch die Architektur der Bloomberg Europazentrale wurde mit der höchstmöglichen Punktzahl (nach BREEAM) ausgezeichnet. Michael Bloomberg behauptet, Norman Foster hätte das umweltfreundlichste Bürogebäude der Welt gebaut.

Das Gebäude betritt man über einen kleinen städtischen Vorplatz im Norden des Blocks. Von der Eingangshalle kommt man in den „Vortex“ (Wirbel), einen dramatischen, zweigeschossigen Raum, der aus der Raumwirkung dreier geneigter, geschwungener Holzschalen entsteht und deren einzigartige Form die Dynamik und Energie von Bloomberg widerspiegeln soll.

Diese Schalen drehen sich, um an ihrer Spitze einen Okulus (lat. Auge) zu bilden, das Kunstwerk „Keine Zukunft ohne Vergangenheit“ (No future is possible without a past) von Olafur Eliasson enthält. Ebenso beeindruckend ist die gewaltige Rampenkonstruktion, die auf der geometrischen Form eines Hypotrochoid basiert und die oberen Geschosse miteinander verbindet.

Drei ellipsoide, geneigte Holzschalen drehen sich auf jedem Stockwerk um 180° Grad und verbinden die Arbeitsebenen. Diese bronzeverkleidete, dreidimensionale Rampe fließt bis unter das Oberlicht und setzt die vom Vortex begonnene, großartige, dramatische Geste fort. Sie ist als Ort des beruflichen Kontakts konzipiert und so proportioniert, dass sich spontane Gespräche unter Kollegen ergeben, ohne dass andere in ihrer Bewegung behindert sind. Michael Jones, Senior Partner bei Foster + Partners und Projektarchitekt von Bloombergs neuer Europazentrale, erklärt, dass die tragende Konstruktion sowie die Aufzugserschließung zu den Rändern des Gebäudes geschoben wurden um die Decken optisch zu öffnen und diese Rampe zu präsentieren.

Die Architekten wollen damit zeigen: Hier geht es nicht nur um Finanzdaten, sondern auch um Gemeinschaft und Zusammenarbeit inmitten einer inspirierenden Umgebung, in der Kunst eine zentrale Rolle spielt.

Sieht aus wie in den Siebzigern

Um Platz für 4 000 Finanzdienstleister zu schaffen, entstanden fast ausschließlich Großraumarbeitsplätze, ein Arbeitsplatzformat, das aktuell wieder vermehrt in der Kritik steht. Aber das darf man wohl locker ignorieren, denn die Auguren der wissenschaftlichen Arbeitsplatzoptimierung haben noch in jeder Dekade ihre Meinung zuverlässig geändert. Über diesen Arbeitsplätzen ist eine Multifunktionsdecke aus Aluminium installiert, die es in vielfacher Hinsicht in sich hat. Maßgeschneiderte integrierte Deckenelemente kombinieren Heizung, Kühlung, Beleuchtung und akustische Funktionen. In der Tat sieht die Decke mit ihrer geometrischen Strenge aus der Nähe betrachtet, wie hochpräzise, haptisch erlebbare Mathematik aus. Sie hängt über einem speziell für dieses Gebäude entwickelten Tischsystem, das sich in wunderbarer geometrischer Platzierung durch alle Etagen zieht.

Die Arbeitsplätze sind dicht an dicht gestellt und werden mit einem orangefarbenen Sichtschutz zum benachbarten Kollegen abgegrenzt. Anders als bei der einzigartigen Fassade, die sich eindeutig in ihre Zeit einpasst, ist bei den Arbeitsplätzen ein verblüffender Effekt wahrzunehmen: Das sieht aus wie in den Siebzigern, nur die modernen Flachbildschirme korrigieren diesen Eindruck.

Sprachlos, aber auch kritiklos, sitzt man in der Pantry (Kantine) mit ihrem Luftraum über zwei Etagen und genießt einen fantastischen Blick über London bis zur St Paul´s Cathedral. Das Büro Foster sieht in diesem Raum das Herzstück des Gebäudes und eine Stätte der Begegnung und gegenseitigen Inspiration.

Michael Bloomberg setzt ergänzende Prioritäten und führt aus: „Wir glauben, das umweltfreundliches Handeln ebenso gut für unser Geschäft ist, wie für unseren Planeten. Vom ersten Tag an wollten wir die Grenzen für nachhaltiges Bürodesign neu definieren und einen Ort erschaffen, der uns begeistert und unsere Mitarbeiter inspiriert.“ Solche Worte hört man heute gerne, vor allem wenn sie aus den fernen USA zu uns herüber hallen.

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Sehen Sie hier einen Beitrag über die Fassade der Bloomberg Europazentrale


Architekt Norman Foster

machte sich 1967 selbstständig. Das weltweit agierende Architekturbüro beschäftigte 2016 1 250 Mitarbeiter. Foster + Partners ist spezialisiert auf Architektur, Design, Innenarchitektur, Umwelttechnik, Forschung, Nachhaltigkeit, Stadtplanung, Arbeitsplatzberatung.

www.fosterandpartners.com


Factsheet

Projekt: Bloomberg Europazentrale

Standort: City of London

Bauherr: Bloomberg LP

Bauaufgabe: Bürogebäude

Fertigstellung: 2017

Grundstücksgröße: ca. 12 950 m²

Geschosse: 10

Nutzfläche: ca. 107 000 m²

Materialien:

Verkleidung: Josef Gartner; Bronzeverkleidung: Kikukawa; Fassade: Grants of Shoreditch; Atriumdach, Dachlamellen und Brettschichtholz: Seele; Dachverkleidungen und PV-Lamellen: Lakesmere; Aufzüge: Kone; Integrierte Kühl-/Metalldecken: SAS International Ltd; Decken, Wände, Vorhänge: Kvadrat, Soft Cell; Fabric; Holztüren: Ruddy Joinery; Türen und Schließtechnik: Assa Abloy; Boden: Kingspan Access Floors; Glaswände, Tagungsräume: Optima; Jalousien: Levolux

Möblierung:

Büromöbel: Ergonom; Küchenmöbel: Howard Bros Joinery