Büro in Pontevedra / Spanien

Archäologie im Büro

Man könnte meinen, das spanische Architekturbüro Nan arquitectos wollte die Geschichte des Raumes ablesbar gestalten. Tatsächlich war es aber ein mehr als bescheidener Etat, der zu ungewöhnlichen Lösungen führte.

Autor Rolf Mauer

Es braucht häufig nicht mehr als einfache und bewusst bescheidene Konzepte, um gute Architektur zu entwicken. Die Architekten Alberto F. Reiriz, Wenceslao López, Vicente Pillado vom spanischen Architekturbüro Nan arquitectos fanden einen Bauherrn, der ihnen einen sehr engen Kostenrahmen setzte und trotzdem repräsentative Räume für sein Büro haben wollte. So weit, so schlecht, werden jetzt die meisten Kollegen denken. Nan arquitectos fühlten sich jedoch von den widrigen Umständen herausgefordert und haben uns ihre positive Einstellung zum Projekt mit folgenden Worten erklärt: „Wir fanden einen offenen Raum mit einer klaren Identität und nutzten diesen für ein zeitgenössisches Design.“ Vielleicht hat die Kunst, aus fast nichts etwas Neues zu schaffen, mit dem Ort zu tun, in dem dieser neue Büroraum entstanden ist.

Pontevedra ist als Stadt am portugiesischen Jakobsweg ein obligatorisches Etappenziel für viele Millionen von Strapazen gezeichneter, aber auch inspirierter Pilger.

Offene Kommunikation

Auf nur 85 m² wurde ein alter, stadtbekannter Billardsaal entkernt und zu einem kreativen Raum gewandelt, in dem zukünftig digitales Marketing entsteht. Der Raum behielt dabei unübersehbar viel von seinem ursprünglichen Erscheinungsbild. Alberto F. Reiriz, Wenceslao López, Vicente Pillado wollten den „Geist“ des Ortes einfangen und die spielerische Vorgeschichte lebendig halten. So wurden Voraussetzungen geschaffen für eine fließende und offene Kommunikation zwischen den Marketingspezialisten, die hier arbeiten.

Der Bauherr wünschte sich ein offenes Bürokonzept, mit einem Besprechungsraum, einem Büro, einer kleinen Bibliothek und einem Ruheraum zum Entspannen. Wichtigste Aufgabe für Nan arquitectos war die Verteilung dieser Anforderungen auf nur 85 m² Fläche. Eine neue Wand aus Glas und Holz wurde eingefügt, um dahinter den Tagungsraum, das Büro und die Toiletten unterzubringen. Für den Besprechungsraum blieb keine andere Möglichkeit, als diesen ohne Fenster und ohne natürliche Belüftung nach außen auszubilden.

Raum mit Geschichte

Sicher keine ideale Lösung, daher hat man sich als Ausgleich für einen großen Fensterausschnitt zum zentralen Raum hin entschieden. Die Holzwand wurde aus günstigem, unbehandeltem Nadelholz gebaut. Die wiederum passt in ihrer einfachen, reduzierten Ausbildung zum rustikalen Charakter dieses Ortes. Auf Schallschutz wurde bewusst verzichtet. Wer hier arbeitet, ist ständig von der Geräuschkulisse der anderen Kollegen umgeben.

Die sichtbaren Kleberückstände an den Wänden, Stützen und Unterzügen sind geblieben, wie man sie vorgefunden hat. Auf die alles egalisierende Tünche von Farbe legten Nan arquitectos keinen Wert. Die Vorgeschichte des Ortes sollte bis ins Detail ablesbar bleiben. Auch die dunkel verfärbten Decken strahlen keine Schönheit aus.

Die sorgsam und geometrisch verlegten, unverkleideten Kabelbahnen aus Stahlgitter unter der Decke, fast allesamt deutlich überdimensioniert, bringen dagegen Ordnung in die Deckengestaltung. Nur der Boden ist durchgehend neu. Ein selbstnivellierender, hellgrauer Estrich, natürlich gänzlich ohne schmückenden Oberbelag, muss als Fußboden reichen. Neu sind auch die Büromöbel und weil der Etat, wie bereits erwähnt, begrenzt war, ist man zu einem der größten Möbelhäuser der Welt gefahren, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Warum auch nicht, Ikea liefert für kleines Geld einfache Möbelwelten, die zwar in der Qualität nicht mit professionelleren Büroausstattungen mithalten können, aber sie funktionieren. Nan arquitectos wissen, wie wichtig Licht für die Architektur ist.

Daher wurden beispielsweise die Kleberrückstände und die geschundenen Wände mit ihrer unbehandelten Oberfläche gezielt beleuchtet. Um dem Ambiente eine Spur von Gemütlichkeit einzuhauchen – ja, das meinen die Architekten ernst – wurden versteckte Netz-LEDs unter den Sitzen und Möbeln platziert. Auch die Arbeitsplätze selbst sind selbstverständlich mit dem notwendigen Licht versorgt. Man sieht es diesem aufgewerteten Standort nicht an, aber die Büroräume liegen tatsächlich im Keller eines neungeschossigen Gebäudes. Darüber im Erdgeschoss befindet sich hinter einem Schaufenster eine medizinische Praxis. Die palmengesäumte Straßenkreuzung. an der das Gebäude liegt, befindet sich an einer Brückenkonstruktion.

Die Außenfenster sind folglich deutlich unterhalb des Brückengeländers gelegen, bieten aber durchaus Ausblick, denn sie liegen an einer unter der Brücke durchführenden zweiten Straße. Unter dem 85 m² großen Büro befinden sich Garagen. Aus dieser wenig attraktiven Lage haben die spanischen Architekten von Nan arquitectos sehr viel Charme herausgekitzelt.

Ein weiteres Projekt von Nan Arquitectos finden Sie auf Mensch&Büro

Mini-Büro


Alberto F. Reiriz, Wenceslao López, Vicente Pillado

Nan arquitectos, www.nanarquitectos.com

Gründungsjahr: 2012

Mitarbeiter: 6

Arbeitsgebiet: Innenarchitektur


Factsheet

Projekt: Iconweb Offices

Architekten: Alberto F. Reiriz, Wenceslao López, Vicente Pillado

Nan arquitectos, www.nanarquitectos.com

Standort: Av. De Vigo 2 semisótano  (Pontevedra-Galicia/Spanien)

Bauherr: Alberto Garmil

Bauaufgabe: Büro Innenarchitektur

Fertigstellung: 2015

Geschosse: 1

Nutzfläche: 85 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden): Selbstnivellierender Estrich von Mapei, weiße Keramikfliesen, Schichtplatten von Finsa

Möblierung/Sanitär/Beleuchtung: Roca, Ikea, Resol, Lluria, Climar

Weitere Projekte finden Sie hier