Mensch-Raum-Dialog

Fondazione Agnelli in Turin

In Turin interagieren die Nutzer im jüngst digital ausgestatteten Sitz der italienischen Fondazione Agnelli recht unauffällig mit dem Gebäude, das seinerseits intelligent reagiert – ein eindrucksvolles Beispiel der Smartifizierung des Arbeitsalltags. Ein Mensch-Raum-Dialog.

Beim Namen Agnelli horchen hierzulande nur wenige auf. Automobilfans etwa oder auch Architekturbegeisterte. Soviel sollte man aber wissen: Giovanni Agnelli (1866–1945) war im Jahr 1899 einer der Gründerväter der „Fabbrica Italiana Automobili Torino“, besser bekannt unter dem Namen FIAT. Das bekannteste und auffälligste Wahrzeichen des Unternehmens ist das 500 m lange Hauptgebäude aus den 1920er-Jahren. Auf dessen Dach befand sich die werkseigene Renn- und Teststrecke als Rundparcours. Der 100. Geburtstag von Giovanni Agnelli im Jahr 1966 war denn auch Anlass für die Gründung der „Fondazione Agnelli“. Die Agnelli-Stiftung war als unabhängige und gemeinnützige Forschungsinstitution angelegt. Sitz der Stiftung in Turin ist die Villa von Giovanni Agnelli, ergänzt durch einen neuen Anbau, in dem später ein Zentrum für Design und Architektur entstand. Dort arbeiteten und wirkten viele wichtige Architekten Italiens wie Amedeo Albertini oder Gabetti & Isola.

Nach fast 50 Jahren des Bestehens der Stiftung stand nun die Renovierung des kombinierten klassizistisch-brutalistischen Hauses an. Sie wurde vom Turiner Architekturbüro Carlo Ratti Associati gestemmt. Sein architektonisches Ziel: Mit elegant eingesetzten Ergänzungen das Gebäude mit Garten und Stadt verbinden.

Behutsam modernisiert

Das erreichten Carlo Ratti und sein Team zunächst durch den Anbau eines Glaskörpers im Erdgeschoss, der sich weit aus der Gebäudeflucht bis zum Gehweg vorschiebt. Im Glaskörper befindet sich ein öffentliches Café als Treffpunkt für die Bewohner des Quartiers. Der Garten, vom französischen Landschaftsarchitekten Louis Benech mit Obstbäumen versehen, ist als eine Art Ruhepol gestaltet. Hier können die Mitarbeiter in der Natur arbeiten und Meetings abhalten.

Das Thema der Verbindung findet sich auch im Hauptgebäude wieder. So wurde etwa der historischen Treppe durch ein großzügiges Oberlicht neues Leben eingehaucht. Außerdem erhellt das üppig hereinfallende Licht das Kunstwerk „La congiuntura del tempo“ (Die Konjunktion der Zeit) des Lichtkünstlers Olafur Eliasson. Es ist eine Art Kaleidoskop, das die Räume auf beiden Seiten – im alten und neueren Gebäudeteil – in angenehme Farben taucht.

Sämtliche Büroräume wurden überholt und von allem Überflüssigen befreit. Deshalb können die verschiedenen Mieter – eine bunte, multidisziplinäre Mischung aus Kreativen, Investoren, Forschern für eine philanthropische Einrichtung sowie Lehrern eines experimentellen Programms – ihr Umfeld nach eigenem Gusto ausstatten. Statt geschlossener Trennwände gibt es nun großzügige Glaswände mit schmalen, schwarzen Rahmen. Beleuchtung und Klimatisierung sind in der Decke untergebracht.

Bemerkenswert bei der Modernisierung des Gebäudes ist die Technologie, die im Hintergrund für eine gute Arbeitsatmosphäre sorgt. „Office 3.0“ nennen die Planer ihr Konzept, das zusammen mit Siemens entstand.

Es soll das Zusammenleben von Mensch und Haustechnik auf ein neues Niveau heben, um ein Gebäude zu entwickeln, das mitdenkt, mitfühlt und individuell reagiert. Eben ein Mensch-Raum-Dialog.

Grundgedanke des digitalen Konzepts ist die „Bubble“, eine Blase, die jeder Nutzer quasi mit sich trägt. Diese Blase ist gefüllt mit allen nötigen Informationen, die für ein individuelles Arbeitsambiente notwendig sind. Das geschieht nahezu unmerklich und funktioniert im Prinzip so: Das System ermittelt durch Geolokalisierung per Low-Energy-Bluetooth stets den aktuellen Aufenthaltsort jedes Mitarbeiters und stellt die Bedingungen des Raums oder Bereichs, in dem er sich gerade befindet, ganz automatisch auf ihn ein. Heizung, Lüftung, Kühlung und Beleuchtung werden so nutzerabhängig angepasst.

Die Blase ist immer dabei

Befinden sich mehrere Nutzer im selben Raum, wird gemittelt. Dazu sind hunderte Sensoren notwendig, die ständig die Temperaturen, die CO2-Konzentration, die Verfügbarkeit von Meeting-Räumen und andere Gebäudedaten messen – ohne aber den Mitarbeiter persönlich zu identifizieren, verspricht der Hersteller.

Hinter allem steckt ein Smartphone-basiertes „Drei-Achsen-Indoor-Positioning-System“, das in „Desigo CC“ integriert ist, ein von Siemens entwickeltes Gebäudemanagementsystem, das auf der Internet-of-Things-Technologie (IoT) basiert. Die Mitarbeiter ihrerseits müssen sich lediglich die entsprechende App installieren und per Wifi einloggen, um in den Genuss der digitalen Vorteile zu kommen. Mit der App können die Menschen sogar ins Gebäude einchecken, mit Kollegen interagieren, Meeting-Räume buchen und die Umgebungseinstellungen individuell anpassen.

Verlässt ein Nutzer einen Raum wieder, schaltet der Raum sofort und ohne systemische Trägheitsverluste in einen sparsamen Standby-Modus. Wer kein Smartphone besitzt oder die App nicht verwenden möchte, kann alternativ einen tragbaren Bluetooth-Anhänger verwenden. Damit soll, so der Wunsch der Planer, bis zu 40 % der Energie eingespart werden.

„Warum sollen wir noch ins Büro gehen, wenn die Arbeit immer digitaler wird?“, fragt Carlo Ratti, der auch Direktor des Senseable City Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ist. „Die Antwort auf diese Frage liegt in der zwischenmenschlichen Interaktion. Die zentrale Idee beim Agnelli-Projekt besteht darin, dass durch die nahtlose Integration digitaler Technologien in den physischen Raum eine bessere Verbindung zwischen Mensch und Gebäude geschaffen werden kann.“

Damit sieht er eine Vision realisiert, die die Isolation des digitalen Home-Office und Grenzen des Prä-Internet-Raums überwindet. Genau genommen ein analoger und zugleich alter Ansatz : Menschen gehen wieder gern ins Büro, weil sie dort optimale Arbeitsbedingungen vorfinden.

Autor Thomas Geuder

Weitere Projekte finden Sie hier

Webseite der Stiftung


Architekt Carlo Ratti betreibt sein Büro Carlo Ratti Associati in Turin, Boston und London. Er unterstützt den Aufbau von Start-ups und forscht am Massachusetts Institute of Technology. www.carloratti.com


Factsheet

Projekt: Fondazione Agnelli

Standort: Via Giuseppe Giacosa,

36–38, 10125 Turin, Italien

Bauherr: Agnelli Foundation

Fertigstellung: 2017

Gesamtgrundfläche: 6 625,5 m²

Partner:

Technische Entwicklung: Siemens Italia, Building Technologies Division

Gartenarchitektur: Louis Benech

Bauausführung: Studio Ferraresi

Lichtplanung: Roberto Pomè

Café Design: Simmetrico

Innenarchitektur Büros der Agnelli Foundation: Natalia Bianchi Studio

Historische Beratung: Michele Bonino

Betreiber des Coworking Space: Talent Garden

Bauleistung: D‘Engineering srl

Mechanische und hydraulische Systeme: Ice Clima srl

Elektrisches System: Surina srl

Beleuchtung: Davide Groppi srl