Einrichtungshaus Mathes

Thomas Mathes

Von der Auflösung starrer Grenzen zwischen Wohn-, Büro- und Objektwelten profitiert auch das Aachener Einrichtungshaus Mathes.

Herr Mathes, 2011 gingen Sie mit design-bestseller.de und schlaflosen Nächten ins Netz. Wie schlafen Sie heute?

Es bleibt weiterhin sehr spannend, aber die extrem positive Umsatzentwicklung der letzten Jahre lässt mich schon ruhiger schlafen. Wir sind auf jeden Fall im richtigen Segment tätig, aber es bleibt eine Herausforderung, eine E-Commerce-Plattform aufzubauen.

Die Digitalisierung verändert nicht nur das Arbeitsleben, sondern stellt den Handel auch vor die Frage: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Wer ist Mathes heute?

Das Einrichtungshaus Mathes ist hybrid, so wie die Welt heute auch ist. Wir sind klassischer stationärer Händler, der Ware in verschiedenen Preiskategorien verkauft. Wir sind Berater für unsere Kunden und wir sind Entwickler von neuen Geschäftskonzepten. Bei allem, was wir tun, steht aber immer eine hohe Leidenschaft für Produkte, für Design und die Gestaltung von Räumen im Fokus. Das versuchen wir in ganz verschiedenen Facetten anzubieten, um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen.

Gero Furchheim, Sprecher des Vorstands der Cairo AG, glaubt, dass der Fachhandel mit Webexzellenz nicht nur bestehen, sondern sogar wachsen kann. Können Sie uns verraten, was er gemeint haben könnte?

Das Netz bietet uns die Chance, neue und viel breitere Kontakte zu knüpfen. Mit dem Einrichtungshaus kann ich wiederum im direkten Dialog mit potenziellen Kunden den Beweis antreten, was Mathes leistet und uns damit im Wettbewerb positionieren. Habe ich nur einen Internet-Shop, fehlt oft das Haptische. Ich glaube, die Verbindung von stationärem und Online-Geschäft wird immer relevanter, weil wir uns dadurch einen größeren Markt erschließen. Das spüren wir jedenfalls. Für die Ausführung und die Erstellung von kreativen Konzepten brauche ich jedoch einen realen Ort.

Sind Sie dem Ziel, aus einem „Getränkeautomaten“, wie Sie design-bestseller.de einmal bezeichneten, einen Erlebnis-Shop zu machen, einen Schritt näher gekommen?

Der Aufbau einer Inspirationsplattform bleibt unsere Vision und da leisten wir schon Einiges, etwa beim Produkt-Scouting, was wir in der Zusammenarbeit mit einigen Herstellern ja bewiesen haben. Es braucht noch etwas Zeit, aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.

Was ist denn die Stärke Ihres Online-Shops? Oder anders gefragt: Wo sind Sie besser als Jeff Bezos von Amazon?

In den vergangenen Jahren steigerten wir unsere Verfügbarkeitsquote extrem. Das liegt auch daran, weil das Einrichtungshaus Mathes mit einigen Marken sehr eng zusammenarbeitet, etwa mit Hay, für die wir einer der größten Player in Deutschland sind. Die Dänen wollen zukünftig das Thema Office stärker spielen, wofür Mathes wiederum die Kompetenz hat. Eigentlich bringen wir in das Online-Geschäft nur das ein, was uns als Händler immer ausgezeichnet hat. Wir nutzten stets die Chance, mit Marken mitzuwachsen. Klar ist aber auch, dass man immer wieder die Kraft und Offenheit aufbringen muss, neue Produktwelten zu entdecken.

Welche Welten haben Sie entdeckt?

Zum Beispiel den Outdoor-Bereich. Hier konnten wir uns klar positionieren, auch mit neuen Kollektionen oder Newcomern.

Viele Internet-Player sind Geldverbrennungsmaschinen. Wie heiß ist es in Aachen?

Schon in der Vergangenheit haben wir den Beweis erbracht, im Onlinegeschäft rentabel zu wirtschaften. Wir investieren aktuell und bauen entsprechende Strukturen auf, um design-bestseller.de zu einer digitalen Inspirationsplattform im Einrichtungsbereich zu entwickeln.

Wer ist die Cashcow im Haus: das Stammgeschäft oder Ihre Tochter?

Die Mathes KG erzielte 2017 netto rund 20 Millionen Euro und design-bestseller.de 10 Millionen Euro.

2017 war für die Möbelbranche kein gutes Jahr. Je nach Quelle gingen die Umsätze um 2,3 Prozent zurück oder waren stabil. Ausgerechnet Büromöbel sorgten für einen Lichtblick. Welcher Bereich machte Ihnen am meisten Freude?

In beiden Bereichen verzeichneten wir eine gute Entwicklung. Vor drei Jahren legten wir einen signifikanten Wachstumssprung hin. Das Niveau konnten wir stabilisieren und weiter ausbauen.

Woran lag das?

Dafür gibt es zwei Gründe. Das Projektgeschäft im Einrichtungshaus Mathes ist deutlich angestiegen, weil wir in Innenarchitektur und Außendienst investierten. Im Wohnsegment ist es viel schwerer geworden, im Rheinland Häuser in der Größenordnung von Mathes zu finden. Mit unserer Ausstellung und Fläche zählen wir zu den Großen. Dafür nehmen die Leute auch ein paar Meter in Kauf. Richtig ist auch, dass sich besonders der Office-Bereich gut entwickelt hat.

Gibt es Gründe dafür?

New Work ist das große Thema. Viele Firmen räumen dem Arbeitsplatz heute einen ganz anderen Stellenwert ein. Das führt dazu, dass Player wie wir, die auf einem hohen Niveau agieren, immer öfter ins Spiel kommen. Das Einrichtungshaus Mathes ist ja kein klassischer Bürofachausstatter wie andere Häuser, die sich darauf fokussiert haben. Aber wenn sie deren professionelles Know-how mit anspruchsvoller Innenarchitektur und dem Background einer interessanten Kollektion kombinieren können, haben sie im Moment gute Chancen am Markt.

Dann können Sie dem Fraunhofer IAO helfen. Die Stuttgarter fragen nicht erst seit der Studie „Office Analytics“ nach dem Stellenwert von Büros. Was sagt der Praktiker?

Die Bedeutung des Büros hat immens zugenommen. Das erleben wir täglich, sei es, dass man von uns neue Ideen verlangt, sei es, dass man den Bestand mit uns verändern möchte oder gleich ganz neu gestalten will. Das zeigt, dass Firmen um ihre Mitarbeiter kämpfen müssen und das hat eben auch viel mit dem Rahmen zu tun, in dem sie arbeiten.

Wie sieht der Rahmen konkret aus? Ist „Multispace“ der „Burner“ bei Ihren Kunden?

Nein, die Mischung macht’s. Die eigentliche Kunst ist es herauszubekommen, wer was braucht. Generell lässt sich aber sagen, dass vernetztes Arbeiten durchweg eine hohe Relevanz besitzt und Firmen Schnittstellen schaffen müssen, wo das gelingt. Nichtsdestotrotz muss ich Mitarbeitern immer die Möglichkeiten bieten, auch mal konzentriert arbeiten zu können. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Büro. Das Missionarische des Konzepts „Open-Space“ weicht inzwischen einer nüchternen Einschätzung.

Die Möbelmessen in Köln und Mailand liegt hinter uns, Köln mit der Bürofachmesse Orgatec noch vor uns. Was haben Sie entdeckt, und was glauben Sie, im Oktober noch entdecken zu können?

In Mailand, aber auch in Köln glaube ich nicht mehr so viel Produkt-Power gesehen zu haben wie früher. Was wir allerdings merken konnten, war der Trend zu konzeptioneller Arbeit, der unter anderem an vielen Messeständen abzulesen war. Der Anspruch ist hier extrem hoch geworden. Ich nenne nur das Beispiel Molteni. Vincent Van Duysen kreiierte für das Unternehmen einen herausragenden Messestand. Neue Produkt fielen eher sehr klassisch aus. Da hätte ich mir mehr Mut gewünscht.

Und was erhoffen sich von der Orgatec?

Die moderne Arbeitswelt, die ja immer eine Bürotischwelt war, wird sich immer mehr zu einer hybriden Welt entwickeln, die mit neuen Lösungen und neuen Materialien das Büro prägt. Es geht mehr denn je in Richtung innenarchitektonischer Konzepte für den Office-Bereich.

Das kommt Ihnen entgegen, oder?

Man kann in Konzepten ertrinken, wenn man nur in solchen Kategorien denkt. Als Händler, die wir ja auch sind, sagen wir, es kann auch ganz schön sein, einen richtig guten Bürodrehstuhl auf den Markt zu bringen. Der frühere Vitra-Chef, Hanns-Peter Cohn, berichtete mir einmal, dass Hersteller und Händler auch Self-playing-pianos brauchen: einfach nur reinstellen, weil das Produkt so stark ist.. Man muss also die Kraft für das Neue haben, aber darf das Ursprüngliche nicht vergessen. Diese Balance gilt auch für den Möbelbereich.

Interview: Ulrich Texter

Leistungsportfolio des Einrichtungshauses

Weitere md-Interviews