Orgatec 2018

Ortswechsel im Büro

Naht das Ende der vertrauten Bürowelt? „Der Tisch als Mittelpunkt der Arbeitswelt hat ausgedient“, behauptet der britische Designer Jay Osgerby. Und Möbelhersteller Vitra setzt noch einen drauf: „We are moving away from chairs.“ Tisch weg, Stühle weg, gearbeitet wird zukünftig anderswo. Im Büro stehen bewegte Zeiten bevor. Eine Bestandsaufnahme der Orgatec von Jörg Zimmermann.

Autor Jörg Zimmermann

Müssen wir Arbeit neu denken? Auf der Orgatec 2018 wurde die Frage nach der Zukunft der Büroarbeit eifrig diskutiert. Wissenschaftler und auch viele Praktiker antworten dazu mit einem klaren Ja. Was von den Experten als logische und zwingende Konsequenz von Digitalisierung und digitaler Transformation angesehen wird, sorgt in den Unternehmen für wachsende Unsicherheit und Handlungsdruck. Arbeitsprozesse verändern sich, teilweise radikal. Von den drängenden äußeren Einflüssen bleibt kein Unternehmen unberührt.

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Öffentliche Räume werden zum Büro, zuhause arbeiten wir auf dem Sofa. ‚Softworks‘ von Barber & Osgerby verbindet Arbeitsszenarien aus den Bereichen Home, Office und Public in einem Möbel. Foto: Vitra

Leitidee „culture@work“

Digitalisierung, Automatisierung, Vernetzung – die technologischen Veränderungen implizieren die Notwendigkeit tiefgreifender Innovation, gerade auch im Bereich der Unternehmenskultur. Mit der Leitidee „culture@work“ hatte die Orgatec einen passenden thematischen Rahmen zur laufenden Diskussion definiert. Zwar ist die Arbeitskultur in den Unternehmen höchst individuell entwickelt, doch bekannte Organisationsmodelle haben bislang in der Breite recht ordentlich funktioniert.

Der Innovationsdruck stellt nun klassische Arbeitsprozesse in Frage, der Wandel in den Prozessen und Methoden schlägt auf die räumliche Situation und die Ausstattung der Büroräume durch. Welche Büroform ist für zukünftige Arbeitsweisen überhaupt geeignet? Welche Möblierung fördert Kreativität und Innovation und somit die Basis für wirtschaftlichen Erfolg? Neben der Unternehmensperspektive rücken immer mehr auch die Erwartungen und Anforderungen der jüngeren Arbeitnehmergenerationen an das Arbeitsumfeld in den Blick.

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Unter der Bezeichnung ‚Normcore‘ startet gumpo eine neue Kollektion, die „lässig und reduziert ist und einfach in unsere Zeit passt“. Das Tischprogramm ist in Zusammenarbeit mit dem Münchener Designbüro Relvãokellermann entwickelt worden. Foto: gumpo

Agilität und Flexibilität stehen heute und in Zukunft hoch im Kurs. Klassische Arbeitsformen wie Einzelarbeit am eigenen Schreibtisch oder „Teamarbeit“ am Konferenztisch verlieren an Bedeutung. Permanent im Einzelbüro? Die Ausnahme. Endlose Meetings am runden Tisch und Business as usual? Nicht mehr erwünscht. Kommunikation und Veränderungen sind gefragt, nicht nach Terminplan sondern andauernd. Was Innovation ausbremst, wird kritisch unter die Lupe genommen.

Passende Arbeitsumgebung unterstützt Innovation

Im Auftrag von designfunktion hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation die Wirksamkeit von Büro- und Arbeitsumgebung auf die Unternehmensentwicklung untersucht, die Ergebnisse stellten sie auf der Orgatec vor. Danach sehen die 1067 Teilnehmer der Studie sich durch ihre aktuelle Umgebung „nur mäßig stark in der Umsetzung typischer Unternehmensziele unterstützt“.

Veränderung im Büro tut also Not, um die Innovationsfähigkeit des Unternehmens zu erhöhen, um Arbeitsprozesse besser zu unterstützen, das Wohlbefinden der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu fördern und die Arbeitgeberattraktivität zu steigern. Laut Ergebnis der Studie sind dabei sogenannte „Multispace“-Arbeitsumgebungen besonders gut geeignet. „Multispace“ bezeichnet hierbei eine Mischstruktur mehrerer Büroformen. Offene Arbeitsbereiche werden mit geschlossenen Räumen kombiniert.

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Konferenztisch oder Arbeitsplatz? Diese Frage stellt sich bei ‚Detach‘ (Design: Troels Grum-Schwensen) von Lammhults nicht. Elemente für Stromversorgung und Akustik- und Sichtschutz können nach Bedarf kombiniert werden. Foto: Lammhults

Neuorientierung in Sachen Arbeitswelt

Einzelbüros, offene Raumsituationen im Unternehmen und gar arbeiten im öffentlichen Raum – bei Konzeption und Gestaltung zukünftiger Arbeitsräume gibt es kein ausschließendes „entweder oder“ sondern es wird integrierendes „sowohl als auch“ benötigt. New Work im Smart-Office impliziert den Ortswechsel im Büro. Möblierungslösungen für dies alles gibt es längst, die Hersteller für Büromöbel haben nicht erst in diesem Jahr ihre Hausaufgaben gemacht. Nun wächst auch das Bewusstsein in den Unternehmen für eine Neuorientierung in Sachen Arbeitswelt, wie eine Steigerung der Besucherzahl auf 63.000 (+15%) und eine Zunahme junger Besucher auf der Orgatec nahelegen.

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Als multifunktionale Basis in Lern- und Arbeitsumgebungen erweitert ‚Cila Go‘ (Design: Lievore Altherr) Gestaltungsmöglichkeiten im Raum und die Interaktivität im Arbeitsprozess. Foto: Marco Covi, RNDR / Arper

Die räumliche Struktur der Arbeitsumgebung und deren Ausstattung orientieren sich mehr denn je an den Prozesse und Methoden. Die angesagte Innovationsmethode Design Thinking benötigt flexible Whiteboards und Pinwände, agiles Arbeiten per Scrum oder Kanban Raum für tägliche Standup-Meetings. Das vertrauliche Telefonat mit dem Kunden erfordert eine wirksame akustische Lösung im Open Space, entspannte Recherche findet im Loungebereich statt.

Neue Herausforderung für Architekten und Planer

Mit solchen Szenarien vor Augen relativiert sich der plakative Abgesang auf Tisch und Stuhl. Beide Produkte bleiben uns natürlich erhalten, wie die Portfolios aller einschlägigen Hersteller beweisen. Und doch lassen sich Verschiebungen identifizieren. Reduziert scheint das Angebot an Stauraummöbeln, möglicherweise ein Anzeichen, dass die Digitalisierung breiter greift. Ergonomische Angebote finden größere Verbreitung, im Bereich der Polstermöbel verwischen die Grenzen zwischen Home- und Objektbereich immer mehr.

Die Situationen, in denen wir zukünftig arbeiten, werden also konsequenterweise vielfältiger und offener: Im Unternehmen in einer Umgebung arbeiten, die der häuslichen Situation ähnelt, oder direkt ins Homeoffice wechseln. E-Mails schreiben in der Lobby der eigenen Firma oder temporär mit dem Laptop ins benachbarte Café übersiedeln. Ob die propagierte Freiheit dann allerdings für alle im „super-flexible space“ endet, bleibt noch offen.

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Wie sehen Arbeitsumgebungen aus, die Kreativität und Innovation fördern? Arbeiten wir zukünftig alle im „super-flexible space“? Foto: Vitra

Doch auch wenn die Szenarien schon mannigfach beschrieben sind, die Umsetzung der neuen Ideen schreitet noch langsam voran. Denn die Planung und Ausstattung zukünftiger Büroräume läßt sich nicht per Katalog erledigt. Mehr denn je ist die Beratung durch Experten gefragt. Entscheidend bei der Neugestaltung der Arbeits- und Büroumgebung wird der klare Blick auf die Unternehmenskultur.

Mit der Analyse der kulturellen Eigenheiten im Unternehmen klärt sich die Unsicherheit im Umgang mit den neuen Anforderungen recht schnell. Hier warten neue Herausforderungen für Architekten, Interiordesigner und Planer, die wohl noch stärker als bisher auf Arbeitsweisen und Prozesse in den Unternehmen eingehen und über die Vielfalt der Möglichkeiten aufklären müssen.

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Motto des türkischen Büromöbelherstellers Koleksiyon: ‚Refusal of Solid‘ – das Büro als sich ständig neu bildender Ort. Nutzer sind die Regisseure. Foto: Thomas Mayer Archive

Orgatec in Stichpunkten

_ Neue Arbeitsprozesse und Methoden bestimmen die Möblierung von Büroumgebungen.

_ Der „Multispace“ ist als Organisationsform zunehmend beliebt.

_ Die Arbeitsumgebung wirkt direkt auf die Innovationsgeschwindigkeit und die Unternehmensattraktivität.

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