Materialplattform-Fachveranstaltung

Mit allen Sinnen

Mehr als 120 Zuhörer erlebten mit allen Sinnen am längsten Tag des Jahres im Stuttgarter Haus der Architekten die Fachveranstaltung der Materialplattform von md und Raumprobe. Es sind mehr als fünf Sinne, von denen man sprechen muss.

Autorin Katharina Feuer

Kennen Sie die fünf Sinne? Hannes Bäuerle von der Stuttgarter Materialagentur Raumprobe fasste sie in seinem Impulsvortrag mit den fünf ‚G‘s zusammen: Gefühl, Geschmack, Geruch, Gehör und Gesicht. Es war Donnerstagabend in Stuttgart, der längste Tag des Jahres und mehr als 120 Gäste versammelten sich im Haus der Architekten. Die Materialplattform, eine Kooperation der md und der Raumprobe, hatte zur Fachveranstaltung Mit allen Sinnen eingeladen.

„Tasten, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen – die Sinne spielen auch für Architekten, Innenarchitekten und Designer eine Rolle; die sinnliche Wahrnehmung als Kraftfeld für sich und seine Arbeit zu entdecken“, eröffnete Susanne Tamborini, Chefredakteurin der md den Abend. Fünf Spezialisten aus unterschiedlichen Fachgebieten vermittelten ihre spezielle Sinneswahrnehmung: ein Materialexperte, eine Farbberaterin, ein Holzliebhaber, ein Designer und ein Marketing- und Ergonomie-Spezialist.

„Was können wir mit unserer Architektur und Innenarchitektur auslösen? Wirkt ein Raum extrem fokussiert, weil er reduziert und sinnlich ist, wie die Aussegnungshalle des Waldfriedhofs Heidenheim? Oder werden unsere Sinne zugeschüttet, wie auf Messen, bei denen eine Flut an Produkten, Farben, Materialien, Gesprächen und Gerüchen wahrzunehmen sind?“, fragte Hannes Bäuerle, der auch den sechsten Sinn mit ins Spiel brachte. „Ein guter Entwurf zeigt sich dadurch, dass man ihn sich vor seinem inneren Auge vorstellen kann.“ Das hänge mit dem sechsten Sinn zusammen, meint Bäuerle, der auch mit Intuition, Vorahnung oder außersinnlicher Wahrnehmung umschrieben wird.

Gleich von einem siebten Sinn sprach Farbberaterin Nathalie Pagels in ihrem Vortrag ‚Von der sinnlichen Wahrnehmung zum Farbsystem (und zurück)‘. Pagels betonte, dass eine sorgfältige Recherche im Umfeld eines Projekts für das Gelingen unabdingbar sei. Farbe sei mehr als Sehen. „Es ist eine Wahrnehmung, die man mit Methoden steuern kann.“ So arbeitete Pagels auch bei ihrem jüngsten Projekt, dem ‚City Gate Bremen‘ im Farbsystem. Fällt einer der Sinne aus, versuchen die anderen Sinne  das auszugleichen. Doch selbst wenn alle Sinne funktionieren, lässt sich unser Gehirn gerne täuschen. Im Farbkontext spricht sie auch von Wahrnehmung und „Falschnehmung“. Beides kann zu unserem Schaden oder unserem Nutzen sein.

Auf einem Bein mit geschlossenen Augen für drei Sekunden stehen – den wenigsten gelang es, der Aufforderung des nächsten Redners zu folgen. Mit dieser kleinen Auflockerungsübung spann Ernst Holzapfel den Bogen zum Gleichgewichtssinn repektive zum 6. Sinn, den er den Körpersinn nannte. In seinem Vortrag ‚Der sechste Sinn. Wie Farbe, Form und Funktion maßgeblich zum Wohlbefinden im Büro und in der Arbeitswelt beitragen können‘ nahm Holzapfel die Zuhörer mit auf eine kleine Reise durch die Anatomie des Menschen. „Der Mensch hört nicht auf zu lernen“, erklärt der Marketingchef der Sedus Stoll AG „solange wir uns darauf einlassen.“

„Was muss man also konkret tun, um dem arbeitenden Menschen im Büroalltag Anreize zu geben und um zu gewährleisten, dass er sich wohlfühlt?“, fragte er weiter. Der Ergonomieexperte weiß: „Die beste Haltung ist immer die nächste!“ Man solle sich zudem wie zuhause fühlen, dennoch muss der Raum nach Arbeit aussehen. Gemeinsam mit seinem Team schafft er Arbeitswelten, die inspirieren und Impulse setzen, Impulse, sich zu bewegen, seinen Körper zu spüren und intuitiv seine (Körper-)Haltung zu ändern.

Die Hersteller und Sponsoren der Fachveranstaltung Hager, Sedus, Schotten&Hansen, RAL Farben sowie nmc stellten sich in der Pause den Fragen der Architekten zu ihren Produkten. Die Produkte anzufassen war im Sinne der Veranstaltung natürlich erlaubt.

Aus der Bauernstube heraus eroberte Torben Hansen mit seinem Unternehmen Schotten&Hansen die Welt und stattet Yachten, Hotels, Privathäuser und öffentliche Bereiche mit seinen Holzböden aus. Die Inhaltsstoffe des Holzes wäscht er aus und schafft somit einen nahezu perfekten Oberflächenschutz. In seinem Vortrag ‚Farbe im Holz – visuelle Wahrnehmung‘ erläuterte er, wie er sich sein eigenes Farbuniversum mit natürlichen Färbemitteln wie Nussschalen, Rauch, Öl, Harz und Wachs geschaffen hat. „Unser Vorbild ist die Natur“, gibt der gebürtige Däne unumwunden zu. Dort draußen sammelte er mit allen Sinnen, sortierte und katalogisierte seine Ergebnisse. Im Labor wurden Tests gemacht, bis wieder ein weiterer Farbton die Palette ergänzte. „Das alles habe ich aus Leidenschaft zum Holz gemacht. Wenn man nichts gelernt hat, dann ist man nicht so verbildet“, kokettierte der gelernte Schreiner am Ende seines Vortrags und zeigte sich mit seinem Publikum sehr zufrieden: „Manche Leute, hören zu und vergessen alles sofort. Und andere wollen es genau wissen. Die saßen heute hier!“

„Es gibt fünf Wege, die Welt in unser Gehirn zu bringen“, eröffnete Erwin van Handenhoven, Design-Director der Hager Group seinen Vortrag ‚Das gute Gefühl!‘ und gab gleich zu bedenken, dass es keinen Sinn macht, diese zu trennen oder sich nur mit einem zu beschäftigen. „Die Menschen leben in keiner praktischen Welt, ihnen wird das Bewusstsein für ihr Tun sowie über Werte zunehmend wichtiger“, beobachtet van Handenhoven. Kein Wunder erlebt der Klassiker mit Drehschalter der Hager Group ein großes Revival. „Wir versuchen unseren Produkten immer ein positives (Tast-)erlebnis oder eine Überraschung einzubauen. Dabei beeinflusst die digitale Welt die mechanische Welt.“ Oberflächen haben sich verändert. Dennoch zeigt sich van Handenhoven überzeugt: „Mechanische Emotionen sind wichtiger als digitale.“ Das sind doch gute Nachrichten im Digitalisierungszeitalter. Wir dürfen unsere Umwelt immer noch mit allen Sinnen erleben.

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Die Sponsoren des Abends: