Sentenz der 21. Triennale di Milano. Foto: Mike Ambach
Salone del Mobile 2016

In der (Un)Ruhe liegt die Kraft

Der diesjährige Salone del Mobile in Mailand zeigte sich zugleich quirlig und vielschichtig, selbstbewusst und nachdenklich. Ein Panorama der Kontraste, das die Stimmungslage in der Designindustrie gut abbildet.

Autor: Daniel von Bernstorff

Nein, es ist nicht ein Feuerwerk an Innovationen, das von diesem Salone in Erinnerung bleibt. Nicht der große Hype um Stardesigner und ihre jüngsten Schöpfungen. Nicht die pathetische große Geste. Vielmehr war eine wohltuende Lust am Detail, an der Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition und Geschichte auf großer und kleiner Ebene zu spüren. Trotz des Gedränges in den Messehallen – mit einer Rekordbesucherzahl von über 370 000 – und den Straßen der Stadt, gab es immer wieder Momente des Innehaltens und Reflektierens. Ob bei feinsinnigen Ausstellungen in der Triennale, der Kirche San Simpliciano, dem Bagno Diurno, dem wunderbaren Projekt der Hochschule Stuttgart im traditionellen Fahrradgeschäft Rossignoli auf dem Corso Garibaldi oder der gelungene deutsche Beitrag zur Triennale, der – kuratiert vom Rat für Formgebung – den Prozess und nicht das Produkt in den Mittelpunkt stellte; hier wurde das große Metathema “Design after Design” mit Leben gefüllt, hier ging es um eine substanzielle Auseinandersetzung mit dem Kern eines zeitgenössischen Designbegriffs. Die Triennale wird uns übrigens in unserer nächsten md weiter beschäftigen.
Ein ähnliches Bild auf der Messe selbst. Große Designerpersönlichkeiten wie Konstantin Grcic, Jasper Morrison, Patricia Urquiola, Piero Lissoni oder Jaime Hayon sind zwar sehr präsent, es geht dabei aber meist um die Vertiefung und Ergänzung der Kollektionen, die Arbeit an Details, Funktionen, Farben und Oberflächen, um die Auseinandersetzung mit Geschichte und Tradition. Diese Form der Selbstvergewisserung und Standortbestimmung zog sich wie ein roter Faden durch die Präsentationen der Hersteller. Man stützt sich auf das Bewährte, vertieft und verstetigt die Zusammenarbeit mit meist etablierten Designern und verzichtet auf die große Geste des Neuen. Wenn sich eine Patricia Urquiola bei Cassina dem Archiv widmet, Konstantin Grcic bei Plank, Magis, Classicon und Flötotto an Produktverfeinerung und Erweiterungen arbeitet und Hella Jongerius für Vitra eine neue Farbpalette entwickelt, dann sagt das viel über das große Triennale-Thema “Design after Design” aus.
Im Umkehrschluss heißt dies aber auch, daß es für junge und aufstrebende Designer und Designerinnen immer schwieriger wird – und es war ja schon bis jetzt nicht leicht – den Sprung zu den Herstellern und zur Realisierung ihrer Projekte zu bewerkstelligen. So schien denn auch der Salone Satellite, einst angesagte Rekrutierungsplattform für die Designer von morgen, merkwürdig abgekoppelt vom restlichen Messegeschehen.
Unserer Produktauswahl auf den nächsten Seiten ist die beschriebene Entwicklung deutlich anzumerken. Bilden Sie sich Ihr Urteil!
Zum Schluss noch etwas zu Mailand selbst: Die Stadt hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung genommen. Das neue Quartier Porta Nuova rund um den Bahnhof Garibaldi kann als eine der gelungensten städtebaulichen Projekte der letzten Jahrzehnte bezeichnet werden. Architektur, Design und Stadtentwicklung gehen hier eine beeindruckende Symbiose ein und die Stadt erfindet sich an vielen Stellen neu. Wenn Sie es also nicht zum Salone geschafft haben: Nutzen Sie den Frühling und Sommer für eine kulturelle Stippvisite, besuchen Sie die zahlreichen neuen Museen und die Ausstellungen der wiederbelebten Triennale.