Jahrestagung 2017 des iafob Deutschland

Räume für Kreativität

Wie man die Arbeit von ihren Zwängen befreit und für mehr Bewegung im Büro sorgt, war Thema der Jahrestagung des iafob Deutschland. Etwa 80 Interessierte fanden sich dazu im Coworking Space bei Siemens in München ein.

Autorin: Gabriele Benitz

Die Jahrestagung des Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung iafob Deutschland drehte sich um das Thema „Flexible Office – Die Befreiung der Arbeit“. Der iafob-Geschäftsführer Dieter Boch stimmte die mehr als 80 Gäste im neuen Siemens Coworking-Space in München darauf ein. Neben der Befreiung von örtlichen und zeitlichen Barrieren plädierte er für das Abschaffen veralteter Führungsregeln und -strukturen sowie gesundes Arbeiten. Ganz obenan stehe die Bewegung, denn: „Bewegung fördert das Lernen und das Generieren von Ideen.“

Welchen Herausforderungen Unternehmen heute gegenüber stehen, fasste Christiane Flüter-Hoffman vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft, zusammen. Der Titel ihrer Keynote lautete: „Lebensqualität durch Arbeit – Arbeit in neuer Qualität – Wie wir von den Chancen eines flexiblen Erwerbslebens über den gesamten Lebensverlauf profitieren können“. Sie richtete sich vor allem an Human-Resource-Abteilungen, die eine lebensphasenorientierte Personalarbeit betreiben müssten und begründete das damit, dass Mütter von Kleinkindern verstärkt arbeiten und ältere Menschen, vor allem hochqualifizierte, länger berufstätig sein wollen. Außerdem müssten die Personaler lebenslanges Lernen unterstützen. „Profilieren sich Unternehmen in diesen Fragen, stärken sie ihre Arbeitgebermarke“, ist Flüter-Hoffman überzeugt. Sie weiß aus einigen Beispielen, dass eine mitarbeiter- und lebensphasenorientierte Personalführung, die zudem Gesundheitsmanagement betreibe, zu einem größeren wirtschaftlichen Erfolg sowie geringerer Fluktuation und weniger Krankheitstagen beitrage.

An ihren Impulsvortrag während der Veranstaltung des iafob Deutschland schlossen sich zwei parallele Referate an. Die Architekten Klaus Würschinger aus Berlin und Mike Herud von Scope Architekten aus Stuttgart beleuchteten die räumlichen Anforderungen für eine neue Arbeitswelt. Würschinger betitelte seinen Input mit „Frugales Büro – weniger Spielplatz, mehr Kloster. Wie können wir Orte der Arbeit schaffen, in denen sich Menschen finden statt verlieren?“. Sie hätten ein ursprüngliches Bedürfnis, ihre Umgebung zu beeinflussen. Damit sich die Mitarbeiter mit ihrer Arbeit identifizieren, müssten sie einen Raum mitgestalten können. „Das bedeutet aber für Architekten und Innenarchitekten, dass sie loslassen müssen.“ Co-Working-Spaces seien ein ideales Betätigungsfeld für die Beschäftigten. Seine Erahrung: „In unfertigen Räumen kann man schöne Dinge entstehen lassen.“ Daraus zieht er den Schluss, das künftig genügsamer, einfacher und unfertiger gebaut werden kann und die Architektur sich von ihrem engen Zweck lösen muss.“

Mike Herud berichtete über sein Projekt „Eine Denkfabrik für SAP – Büros als Ort der Kollaboration und des direkten Wissenstransfers“. Er stellte unter anderem fest, dass junge Leute bei der Arbeit die Community und Umgebung wiederfinden wollen, die sie aus ihrem sonstigen Leben gewohnt sind. Um agiler zu werden, bildeten immer mehr Konzerne kleine Einheiten, die abseits der oft starren Unternehmensstruktur in Coworking-Spaces arbeiteten. Firmen müssten sich immer häufiger die Frage stellen: „Wozu ist der Arbeitsplatz da, was motiviert die Mitarbeiter dazu, dorthin zu gehen?“

Aus zwei weiteren parallelen Vorträgen während der Jahrestagung des iafob Deutschland erfuhren die Zuhörer, welche Räume neue Arbeitsformen unterstützen. Manuela Rößler von Siemens Real Estate berichtete über das Konzept „Working Environment@Siemens – Freiraum für Eigenverantwortlichkeit, Zusammenarbeit und Kreativität“. Sven Bietau, Geschäftsführer von Conceptsued, befasste sich mit dem Thema „Das Büro ist tot. Es lebe das Büro. Neue Arbeit braucht neue Räume“.

Rößler konzentrierte sich auf die weltweit vor allem für junge Leute und Softwareentwickler entstehenden Siemens-Coworking-Spaces. Die Münchener Variante, ein Gebäude, in dem die ehemalige Bibliothek untergebracht war, begreift sie als Pilotprojekt. Auf 600 m² stehen den 8 000 Beschäftigten des Siemens-Campus unterschiedlich gestaltete Räume des Coworking-Spaces für Workshops und Projektgruppenarbeit zur Verfügung. Und: „Wir beschäftigen eigens eine Community-Managerin, die unter anderem Business-Frühstücke und Afterwork-Parties organisiert, damit sich die Nutzer aus verschiedenen Abteilungen besser kennenlernen.“ Die Finanzierung der Räume läuft über feste Mitgliedschaften über das bezahlte Buchen von Teamräumen bis hin zu einzelnen Events.

Bietau ist unter anderem davon überzeugt, dass Zellenbüros in der bekannten Extremform nicht wiederkommen werden. Vielmehr gehe es darum, „Räume als Ausdruck der Unternehmenskultur“ zu verstehen. Außerdem müssten sie den Anforderungen der älteren Mitarbeiter gerecht werden.

Sportwissenschaftlerin Dr. Birgit Sperlich von der der Deutschen Sporthochschule Köln beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit dem „Büroarbeitsplatz – dem pausenlosen Sitzen den Kampf ansagen“. Durchschnittlich sieben Stunden am Tag sitze der Schreibtischarbeiter am Arbeitsplatz, plus drei weitere Stunden in der Freizeit. Experten empfehlen dagegen täglich zwei bis vier Stunden leichte körperliche Aktivität wie stehen und gehen. In einer Befragung hätten sich 50 Prozent dahingehend geäußert, dass sie nur die Hälfte der Zeit sitzend verbringen wollen. „An diesem Punkt müssen wir die Menschen abholen“, sagte Sperlich. Um die Macht der Gewohnheit zu durchbrechen, müsse man die Beschäftigten begleiten, damit sie sich während des Arbeitsalltags häufiger bewegen. Das funktioniert bereits mit einfachen Mitteln: „Das Treppenhaus ist die beste Trainingsstätte.“

Anschließend referierte die Kölner Innenarchitektin Sylvia Leydecker über „Wohlfühlräume für agile Mitarbeiter. Innenarchitekur für die Arbeitswelt“. Ihre Erkenntnis: „Große Büros kann man nicht kuschelig planen, dort aber eine Wohlfühlatmosphäre entstehen lassen.“ Aufgrund des demografischen Wandels käme der multisensuellen Gestaltung mehr Gewicht zu. Besonders den Loungezonen misst sie eine große Bedeutung bei. „Sie geben den Raum zum Leben.“

Auch Professor Dr. Lukas Windlinger von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW Zürich) als weiterer Redner glaubt nicht an kreative Impulse in Schreibtischzonen. Er meint: „Die besten Ideen entstehen nicht im Büro.“ Und weiter: „Raumlayouts wirken sich auf das soziale Verhalten aus.“ Er hat im Rahmen einer Fallstudie festgestellt, dass Teamzonen nicht überdesignt sein dürfen. Denn: „Die Mitarbeiter müssen sich trauen, die Fächen zu verändern.“ Erst dadurch entstehe die Möglichkeit, dass sie sich mit dem Team und dem Unternehmen identifizieren. Analog zu Coworking Spaces muss man solche Flächen als Prototypen verstehen. Windlinger plädiert deshalb dafür, dass „Innovationsräume nicht zur Gewohnheit werden“.

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