Friedrich von Borries in der Münchner Neuen Sammlung

Bumm Bumm Borries

Die Ausstellung ‚Politics of Design, Design of Politics‘ setzt die Reihe für zeitgenössische Designpositionen in der Paternoster-Halle fort, zu der Die Neue Sammlung – The Design Museum seit 2015 jährlich internationale Protagonisten des Designs einlädt.

Autor Oliver Herwig

Der riesige Setzkasten der Neuen Sammlung, anderthalb Jahrzehnte Blickfang des internationalen Designmuseums, ist zugestellt mit einem gleichfalls überdimensionalem schwarzen Billboard, auf dem in Agit-Prop-Manier zwölf Botschaften prangen: Design mobilisiert, Design diszipliniert, Design kolonialisiert, Design formiert, Design manipuliert, Design fetischisiert, Design reproduziert, Design sexualisiert, Design öffnet, Design ermächtigt, Design kritisiert sowie Design entwirft. Große Worte und zugleich banale Wahrheiten, die an Jenny Holzers „Truisms“ erinnern – Gemeinplätze und Binsenwahrheiten, die als völlig neue Blickwinkel auf Design verkauft werden. Zwischen den Plakaten klaffen Lücken, durch die der Blick auf einige Ikonen der Neuen Sammlung fällt. Friedrich von Borries inszeniert eine Peep-Show auf Design.

Doch der Reihe nach. „Politics of Design – Design of Politics“ heißt der Titel der vierten Ausstellung zu zeitgenössischen Designpositionen in der Paternoster-Halle, die seit 2015 jährlich stattfindet, nach Konstantin Gricic, Werner Aisslinger und Hella Jongerius. Dieses Mal ist Friedrich von Borries dran, und er hat sich ein großes Thema vorgenommen, die Frage nämlich, wie sich Design und Politik wechselseitig bedingen. Ist Design also politisch, könnte man fragen – oder umgekehrt: Wie viel Design steckt in der Politik? Das könnte in der Tat sehr relevant werden. In drei Teilen geht Friedrich von Borries dieser Frage nach. Der erste bedient sich direkt der Sammlung und arrangiert manches neu.

In solchen „Interaktionen“ und „Interventionen“ will Borries aufzeigen, „inwieweit Design ein politisches Moment in sich trägt.“ Aus dem VW Käfer hängt daher eine rote Fahne wie eine freche Zunge (eigentlich handelt es sich um eine Nazi-Fahne, der das Hakenkreuz entnommen wurde – und auf den problematischen Hintergrund des KdF-Wagens verweisen soll, der als Beetle zugleich Symbol der Hippie-Bewegung wurde). Und vor der Wand mit Afri-Cola-Plakaten klebt eine billige Trump-Überzieh-Maske, während frauenfeindliche Äußerungen des Präsidenten ertönen. „Diese Form von Sexualisierung macht Menschen zu Objekten und Objekte zu Waren.“ Stimmt. Da findet sich aber auch die „Münchner Rutsche“ in der großen Thonet-Rotunde. Friedrich von Borries hat aus einem Rückenteil und etwas Pappe eine Kinderrutsche gebastelt, die das heimliche Zentralstück der Ausstellung darstellt: eine Verballhornung des scheinbar Guten, aber unreflektiert Funktionalen. Hier kommt wirklich einiges ins Rutschen, was bislang als gut, vorbildlich oder sammlungswürdig galt.

Friedrich von Borries nutzt die Macht des Museums gegen die Institution selbst und streut Sand ins Getriebe. Zwischen die Ikonen der Moderne knallt er eine Gegenausstellung scheinbar basisdemokratisch legitimierten Designs. Da finden sich plötzlich Roboterskulpturen vom Sperrmüll, Leuchten mit Naturfasern oder Klitoris-3D-Drucke. Alles Objekte, die am „Together Xperience-Tag“ am 16. September 2018 diskutiert und von den Einreichern als designwürdig juriert wurden. Das Museum soll sich so in einen Ort des „Austauschs über Praktiken des Selbermachens verwandeln“ und Abschied nehmen von der Macht des Kanons durch die alleinige Ausstellung der Ikonen. Till Eulenspiegel hätte seine Freude an diesem Schachzug. Das Designmuseum reiht diese Stücke kommentarlos zwischen seine Sammlung und zerlegt sich selbst. Das ist weniger eine Versuchsanordnung: Werden es die Besucher merken und über High und Low, Selbstgemachtes und Verordnetes diskutieren – als vielmehr ein Frontalangriff auf das Museum selbst. Sind wir nun alle Gestalter – im Sinne eines erweiterten Designbegriffs? Braucht Design eine basisdemokratische Verankerung? Oder ist es gar komisch, wenn Müllcontainer, aus denen Plastikpflanzen wachsen, oder quietschbunte „Meditation-Berührkissen“ neben Design-Klassikern stehen? Unfreiwillig wird hier die Rolle von Designenden selbst unterminiert.

Der zweite Teil der Ausstellung steht dem ersten kaum nach. Sie zeigt „eine subjektive Reflexion des bisherigen Werkes von Friedrich von Borries in den beiden Paternoster-Liften“, heißt es in der begleitenden Dokumentation. „Mit einer Schenkung interveniert sein Heteronym, der Künstler Mikael Mikael, in die Sammlung des Museums, und in einer perpetuierenden, sisyphos-artigen Kugelbahn-Installation verweist er auf das grundsätzliche Dilemma eines politisch agierenden Künstlers oder Designer, der nie das – vermeintliche – Ziel erreichen wird.“ Die verschwurbelte Erklärung zeigt die Problematik einer Schau, die so in selbstbezüglichen Referenzen gefangen ist, dass sie selbst zur Kunst wird.

Erst im dritten Teil gelingt es, das Puzzle zusammenzusetzen. Finanziert von der Bundeszentrale für Politische Bildung sollen vier Workshops klären, welchen „Beitrag Design für die soziale und kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft leisten“ kann. Hier also geht es ums Eingemachte. Das „Basiscamp für Demokratie“ (https://www.basislager-demokratie.de) soll tatsächlich „Design of Politics“ betreiben und einlösen, was die Ausstellung verlangte, einen „diskursiven, öffentlichen Designprozess.“ Allerdings gibt es gleich eine Fehlermeldung: „Diese Verbindung ist nicht sicher. Der Inhaber von www.basislager-demokratie.de hat die Website nicht richtig konfiguriert. Firefox hat keine Verbindung mit dieser Website aufgebaut, um Ihre Informationen vor Diebstahl zu schützen.“

Was also bleibt?

Zunächst die Erkenntnis, dass diese Ausstellung auch nach der Eröffnung aktiv bleibt und womöglich neue Ansätze, neue Erkenntnisse liefert. Daneben wird deutlich, dass Museen für Gestaltung ihre Rolle völlig neu (er)finden müssen. Sie sind Bildungseinrichtungen, und zwar nicht mehr im Sinne von Geschmacksbildung (mit einer langen Reihe vorbildlich gestalteter Dinge), sondern gesellschaftlich wirksame Institutionen. Über die tatsächliche Wirkung von Design und Designern macht sich Friedrich von Borries ohnehin keine Illusionen. „Wir wissen nicht, was rauskommt“, sagt er, man müsse sogar die Offenheit aufbringen, es nicht zu wissen. Und dann fügt der Ausstellungsmacher einen wichtigen Satz hinzu: Vielleicht sei es Selbstüberschätzung, „dass wir einen relevanten Einfluss auf die Politik haben.“ Wie auch immer. Wir müssen weiterzuarbeiten an der Demokratie, auch und gerade mit den Mitteln der Gestaltung.

Kartalogcover Friedrich von Borries, Politics of Design – Design of Politics
Foto: © 2019 Die Neue Sammlung – The Design Museum, München, Friedrich von Borries, Koenig Books, London