Sicherheit
(Kommunikationszentrum WMF, Geislingen a.d. Steige; Schricker)
Foto: Schricker
Spot on Interior

Design ohne Sicherheit, Sicherheit ohne Design

Die Verantwortung der in Sicherheitsdenken gefangenen Planer endet meist mit der Fertigstellung eines Objekts. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Nachhaltig wäre es, darüber hinaus die späteren Bewohner anwendungsbezogen im Wohnalltag zu begleiten.

Autor Rudolf Schricker

Entwurfshände werden vermeintlich geführt vom oft zitierten Genius, zugleich geleitet von kreativem Gestaltungswillen, wenn nicht sogar von Inspiration und Imagination. Bewusst oder unbewusst entstehen Ideen im Planeralltag hingegen eher unter dem Einfluss von Richtlinien, Landesbauordnungen, Hygienevorschriften, DIN-Normen …, kurz: gehemmt von krampfhafter Sorge zur Vermeidung von Planungsfehlern, Abwehr von Haftungsansprüchen und der Furcht vor dem fachlichen, wenngleich lakonischen Damoklesschwert „Das geht so nicht!“.

Was letztlich geht, scheint technisch stromlinienförmig, ziemlich standardisiert und uniform, wenig originell, in der Hauptsache sicher; „totsicher“ gewissermaßen, im Sinne nicht lebendig, unveränderlich, langweilig.

Design und Sicherheit unversöhnliche Gegensätze

Design und Sicherheit demnach unversöhnliche Gegensätze? Design ohne Sicherheit gleicht einem kreativen Balanceakt von Zufälligkeiten. Sicherheit ohne Design dagegen vermittelt die Anmutung technischer Nichtgestaltung und rationaler Ausdruckslosigkeit – eben Standard. Warum sieht unsere künstlich (nicht zu verwechseln mit künstlerisch) gebaute Umwelt so aus, wie sie aussieht? Woher die erstaunliche Monotonie?

Planungsfehler oft erst lange nach der Fertigstellung offenbar

Vermutlich ist einer der Gründe für das verstärkte Sicherheitsdenken die irrige Annahme, der Auftrag zu bauen hätte nur ein Ziel, nämlich das Gebäude technisch und konstruktiv sicher zu erstellen. In Wahrheit sind Schutzziele der verschiedenen Normen und Vorschriften nicht materieller Immobilienschutz, sondern späterer Schutz von Leib und Leben. Auch beginnt so ein Schutzziel zeitlich erst mit dem Einzug von Menschen in die neu gestalteten Räume.

Wer sich als Planer bei der Schlüsselübergabe in Sicherheit wiegt, verkennt, dass die meisten Planungsfehler oft erst lange nach der Fertigstellung offenbar werden. Abhilfe könnten konsequente Folgenabschätzung und eine Bereitschaft zur Betreuung nach der Fertigstellung schaffen.

Vorbei die Zeiten, in denen eine geniale Idee wie in Stein gemeißelt, einmal entwickelt, für immer manifestiert und unveränderlichen Bestand suggeriert, einem Manifest ähnlich, sämtliche späteren Nutzer dazu nötigt, sich anzupassen oder es eben sein zu lassen.

Personal Coaching neue Form des dynamischen Gestaltungsprozesses

Ein neuer Typus planender Entwerfer rüstet sich langsam: Einer, der die bohrenden Fragen von Nutzern nach der Fertigstellung nicht scheut, der entsprechend neuer Verantwortung die Gebrauchsanweisung seiner umgesetzten Planung gleich mitliefert und erläutert.

Natürlich ist dieses personal coaching eine völlig neue Form von permanenter Umplanung, Zweckentfremdung und Mehrfachnutzung. Keine HOAI dieser mitteleuropäischen Welt sieht auch nur im Entferntesten einen Honoraransatz, geschweige denn eine inhaltliche Leistungsbeschreibung dieses dynamischen Gestaltungsprozesses.

Ein Leben lang den Nutzer begleiten

Deklariert als Dienstleistung der besonderen Art, könnte diese kreative Anwendungsbegleitung von vormals entworfenen Räumen und Dingen, einer ständigen Bewährungsprobe gleichkommen, bei der sich Planer nicht klammheimlich aus der Verantwortung ziehen, vielmehr kann das Prädikat „Nachhaltigkeit“ im Laufe der Zeit tatsächlich Glaubwürdigkeit gewinnen.

Nach dem Motto „mein Innenarchitekt hat nicht nur meine Räume geplant, er begleitet mich seither bei der täglichen Anwendungs- und Verbesserungsarbeit. Mit ihm lerne ich meine Räume kennen und lieben.“

Ähnlich einem Arzt, der seine Patienten berät und bei Gesundheit hält, könnte ein Planer und Entwerfer ja auch damit kokettieren, Menschen mit seinen kreativen Einfällen und seinem empathischen Wissen ein Leben lang zu begleiten. Räume und Umgebungen, die mit ihren Nutzern altern und einer gewissen Nutzungsdynamik unterworfen sind, wären nach einer bestimmten Zeit der Beweis für ein vertrauensvolles Miteinander von Planer/Nutzer.

Mensch-Raum-Bezug ermöglichen

Nach Fertigstellung die in den Räumen lebenden Menschen zu begleiten, würde eine permanente Auseinandersetzung mit den individuellen Sicherheitsbedürfnissen bedeuten, und damit einer Überführung von allgemeinen Standards der Planung auf persönliche Anwendung im Gebrauch gleichkommen. In diesem individuellen „sicheren Lebensraum“ geht es um den Beziehungsraum, der dem jeweiligen Menschen Halt gibt. Die Lehre einer humanen Innenraumgestaltung steht erst am Beginn der Erkenntnis, wie dieser Mensch-Raum-Bezug ermöglicht werden kann.

Anhand der Metapher „Spiel- oder Rollenraum“ wird der Prozess der Entwicklung eines Menschen und dessen Störung reflektiert. Der Unterschied zwischen Störungs- und Entwicklungsräumen wird klar, sobald die Integration von statischen (Regeln, Gewohnheiten, klare Strukturen im Ausdruck und in Beziehung) und variablen dynamischen Anteilen (Erweitern und Verlassen von bekannten Strukturen) bei einem Menschen im Raum gelingt oder eben nicht.

Sicherheit und Chaos

Menschliche Räume sollen dem darin Lebenden aus einer gewissen Sicherheit (Überwiegen der statischen Anteile) und dem Chaos der Möglichkeiten (Überwiegen der dynamischen Anteile) klarkommen helfen. Nachdem in diesem Land fast alles gebaut scheint, sollten Planer und Gestalter Menschen bei den Prozessen des Um- und Neugestaltens, des Veränderns, des Anpassens, des Aneignens, der Zweckentfremdung und der individuellen Interpretation begleiten und helfen – manchmal ein Leben lang.

Weitere Spot on … finden Sie hier