Office 4.0
So stellt sich A. Çakir die drei Entwicklungsstufen zum Office 4.0 vor.
Collage: Ahmet Çakir
Spot on Office

Office 4.0.

Unser Kolumnist fragt, ob man unter allen Umständen auf den Zug Office 4.0 aufspringen muss. Und was passiert, wenn man es nicht tut.

Content, Collaboration, Lean und Kanban, Paperless, Agilität … All dies bietet mir eine Firma an, auf dass mein Unternehmen reif für 4.0 wird. Mein Office soll smart, digital und effizient arbeiten. Offenbar nehmen die an, bei uns wird dumb, analog und daher ineffizient gearbeitet. Wäre dem so, könnte ich allerdings die Beratung kaum bezahlen. Ob der Anbieter die Bezahlung stundet, bis wir smart & digital geworden sind?

Die inflationäre Verwendung von 4.0 heute soll symbolisieren: Es tut sich was hier. Industrie 4.0, Office 4.0, Arbeit 4.0. Was noch? Gemäß IT-Neusprech bedeutet die 4, es handele sich um die vierte Stufe einer Entwicklung. Leider verheißt die 0 keinen Segen: Das Produkt hat noch einen langen Weg zur Reife vor sich. Als dieses Business noch EDV hieß, nannte man es SAG (Software aus Guatemala) bzw. Produkt, das beim Kunden reift. Aber das Neue scheint sein Erbe nicht zu verleugnen. Ich lese in Anzeigen: „Die digitale Revolution Office 4.0 lässt sich nicht aufhalten. Unternehmen, die jetzt nicht mitmachen, werden schnell zurückbleiben gegenüber ihren Büro 4.0-Mitbewerbern.“ Fast wortgleich warb vor 40 Jahren die Vor-IT-Industrie für ihre Konzepte, die keine waren. Von denen, die sich damals eilten, um nicht zurückzubleiben, sind häufig nur noch Traueranzeigen zurückgeblieben. Wiederholt sich die Geschichte bei der Digitalisierung?

Garantiert ja für die, die dem Hype folgen. Wer unter 4.0 technische Vernetzung versteht statt Geschäftsmodell, oder wer Reklame statt Social Marketing betreibt, läuft Gefahr, den einstigen Größen auf dem Fuße zu folgen. Wenn sich die Geschichte wirklich wiederholt, könnte dies aber auch so weitergehen: Hatte die einstige EDV ihre vernünftigen Anwender reich oder mächtig oder beides gemacht, folgten denen solche, die in noch viel kürzerer Zeit die Welt der Ölmagnaten und ähnlicher Leute in den Schatten stellten. Die beiden reichsten Männer der Welt haben IT geschaffen bzw. für ihr Geschäftsmodell genutzt. Wissensarbeit eben. Träumen von verlorenen Arbeitswelten, wenn die Wolken ähnlich agierender Leute am IT-Himmel aufziehen? Kann man sich vielleicht als Rentner leisten. Memoiren mit ‚Office 365‘ tippen, die in der Cloud gespeichert werden, so man welche hat. Wer aber nicht Kunde werden will beim Arbeitslosenseelsorger, muss sich ändern. Leider nicht nur ein kleines bisschen. Ob sich die Mühe lohnt?

Wo sich die Geschichte bestimmt nicht wiederholt, davon konnte man sich vor zwei Jahren bei dem Kongress des Wirtschaftsministeriums zu Industrie 4.0 überzeugen: Die Spitzen der Sozialpartner, der Präsident der Arbeitgeberverbände und der DGB-Chef, verkündeten in großer Harmonie, dass sie etwa die Hälfte der deutschen Arbeitsplätze ändern würden. Und kamen dabei ohne Spitzen aus. Auch ohne Trauermienen. Den Wandel als Perspektive muss man wohl anderen als neu verkaufen. Da fällt mir als erstes die Arbeitsministerin ein. Sie ließ vor Monaten verlauten:„Das Bundesministerium befürchtet, dass sich mit der Arbeit 4.0 eine Spaltung des Arbeitsmarktes vollziehen könnte. Auf der einen Seite stehen die Hochqualifizierten, die Facharbeiter und Kreativen. Auf der anderen Seite könnten weniger qualifizierte Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse rutschen, wie beispielsweise minimal bezahlte Zeitarbeit oder lediglich befristete Jobs.“

Die Befürchtung ist real und seit etwa 1975 bekannt. Alle befürchteten Folgen sind auch eingetreten. Fortsetzung folgt! Leider nachhaltig …

Was denken etwas modernere Propheten? Wenn man an Büro 1.0 denkt, was natürlich niemand so nannte, bestand ein kleiner Teil der Arbeitenden aus Privatbeamten des Unternehmers, der größte Teil aus Handlangern, die von denen zur Arbeit getrieben wurden. Das Verhältnis schob sich immer weiter zugunsten des Büros, bis bei Büro 3.0 – Bildschirmarbeit – rund die Hälfte der Arbeitnehmer im Büro saß. So gesehen könnte Office 4.0 Endstation für viele Jobs aus der Industrie werden. Vom Facharbeiter zum Clickworker – eine glänzende Perspektive?

Die Zukunft gehört denen, die sie machen. Da sein, wo noch niemand war, Dinge tun, die noch nie jemand getan hat. Wer das von sich sagen kann, wird nie von der Digitalisierung ersetzt werden. Und die Digitalisierung hilft, dass immer mehr Menschen von sich behaupten können, Dinge als Erster zu tun. Die Frage ist, ob das genug für alle ist. Man kann sich eine Lebensstellung nicht mehr ertippen bzw. erschrauben. Im Business Club gibt es keine reservierten Plätze mehr. Vielleicht in Office 5.0?

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Kolumnist Ahmet Çakir ist Inhaber und wissenschaftlicher Leiter des Ergonomic Instituts für Arbeits- und Sozialforschung in Berlin und Gutachter.