Innenarchitektur
Healthcare-Bad im Hotel der Zukunft von Andreas Körner, erarbeitet im Auftrag des did Institut Innenarchitektur+Design. Rendering.
Rendering: Andreas Körner
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Innenarchitektur wie zuhause

Vielreisende benötigen eine beruhigende Innenarchitektur im Sinne einer Antistresstherapie und eines Nachjustierens des inneren Chronometers. Aber: Wo sind die Grenzen der Subjektivität?

Wer oft unterwegs ist, strebt danach, aus Unsicherheit Sicherheit zu gewinnen. Immer neue Räumlichkeiten fordern dem Menschen unablässig eine Aktualisierung von Gefahreneinschätzungen ab. Erfahrene Fremdwohner checken zuerst die Fluchtwege, simulieren Rettungsabläufe und studieren Szenarien von Gefahrenprävention. Auch raubt unbekanntes Terrain mitunter den Schlaf und ist mit Ängsten besetzt. Wohlbefinden – auch in temporär genutzten Räumen – setzt aber Sicherheit voraus; Nur wer sich sicher fühlt, kann Wohl empfinden.

Beispiel Caravaning: Der Herbergskomfort ruht sich da häufig aus auf quantitativen Versprechungen allgemein objektivierbarer Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Diese jedoch gelangen zunehmend an ihre Grenzen, denn die Individualisierung generiert immer spezifischere, stets aber subjektive Erwartungen.

Den „Temporären Wohner“ als Neutrum gibt es nicht. Ebensowenig existiert der uniforme, für alle gleiche „Raum fürs individuelle Leben“. Das beobachten Hoteliers und andere Vermittler temporärer Heimaten schon länger. Langsam, da sich gestresste „Gäste“ immer weniger mit allgemeinen Standards zufrieden geben, wächst die Erkenntnis, dass Frauen mit Räumen unter der Metapher „Wohnen auf Zeit“ andere Erwartungen verknüpfen als Männer, junge Zeitwohner andere als Ältere, Kranke andere als Gesunde und Solisten wieder andere als Gesellige.

Diese Hyperindividualisierung stellt Planer wie Investoren vor große Probleme: Wie darauf eingehen, ohne den potenziellen Bewohner zu kennen? Sind doch aktuell die Schnittstellen Mensch/Raum zu unflexibel strukturiert, fremdbestimmt und vorgegeben, versteckt und nur selten zugänglich.

Heute wird die Verantwortung für das individuelle Wohlgefühl mehr und mehr aus der Perspektive des Gastes gesehen, dem psychologischen Prinzip der Bindungstheorie folgend: Es geht darum, Vertrauen aufzubauen, um größere Achtsamkeit, synästhetische Wahrnehmungen. Raum und Gast sollen interagieren, Spuren hinterlassen, Wirkung erzielen, Bindung herstellen.

Der Ansatz geht davon aus, dass Menschen, die in fremder Situation den umhüllenden Raum spielerisch erfahren, ertasten und testen, verändern und beeinflussen, am Ende hautnah wahrnehmen, wie Bindung und Vertrauen zum Raum aufgebaut und verfestigt werden können. Der Impuls dazu kann vom Menschen oder auch vom Raum aus gehen. Gegenseitiges Interesse und Neugierde sind die Triebfedern.

Die Idee: Den Raum als verlässlichen Sparringspartner zu erleben, stärkt Selbstbewusstsein und Wohlbefinden. Im Idealfall erwächst daraus ein immer wieder anders wirksamer, stets aber ein gesunder, weil die Selbstheilungskräfte aktivierender Raum. Derart konzipierte Räume können in Gebäuden mit hohen Belegungskapazitäten keinesfalls uniform wirken, vielmehr erzeugen Flexibilität und Variabilität alternierende Atmosphären.

Neben vielen Gemeinsamkeiten ist darin ein wesentlicher Unterschied zwischen Architektur und Innenarchitektur zu finden: Während Architektur das Gebäude mehr von der städtebaulichen Wechselwirkung her als gestalterisches Manifest und konstruktive Gesamtstruktur versteht, in der sich Räume als funktionales Ensemble organisieren, fest gefügt, wenig bis gar nicht veränderbar, starr und oftmals für die Ewigkeit gebaut, und in dem sich Menschen eingliedern und anpassen müssen, folgt die Innenarchitektur einem anderen Interpretationsmuster.

Sie versteht jeden Raum einzeln als dynamische, veränderbare und individuell einstellbare Umgebung, die mit jedem Menschen anders interagiert. Die Innenarchitektur interpretiert die Bedingungen, unter denen Menschen im Raum sich sicher und wohl fühlen, immer wieder neu.

Es ist eine symbiotische Wirkung. Innenarchitekten denken Räume, die für Körper und Geist eine gesunde Wechselwirkung generieren, die Sparringspartner und Personal Trainer in einem sind, die den persönlichen Moment, eine subjektiv als angenehm empfundene Atmosphäre und ein individuelles Ausdrucksvermögen zulassen. Die wohltuende Wirkung des Raums auf Menschen stärkt deren Selbstwertgefühl und Autonomie, animiert Selbstheilungskräfte, gewährleistet Sicherheit und Kontrolle und verleiht Motivation und Antrieb Flügel.

Ein Credo für alle inkludierenden, integrativen und für den Einzelnen bedeutsamen Räume. „Der Mensch zuerst!“, dann der Raum, schließlich die Architektur.

Autor Rudolf Schricker

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