Innenarchitektur
Hotel+Care-Zimmer Prototyp – entwickelt vom Hotelkompetenzzentrum in Oberschleißheim und dem Institut für Innenarchitektur+Design did.
Foto: Alex Dumpling Photo Productions, ©Hotelkompetenzzentrum GmbH
Spot on Interior

Innenarchitektur = Universal Interior?

Designqualität und Barrierefreiheit gelten bislang als schwer vereinbar. Zumeist ist der Innenarchitektur anzusehen, für wen sie konzipiert sind. Designinklusion geht anders.

Begriffe determinieren das Denken – auch Entwerfer und Planer klagen oft über die Rollstuhl-Schere im Kopf. Erleichternd ist der Wandel vom „Behindertengerechten Bauen“ hin zur Barrierefreiheit zu vernehmen, und doch bestimmt die DIN alle Entwurfsgedanken in eine Richtung: Normerfüllung und nur keine Fehler machen!

Innenarchitektur für Menschen mit Beeinträchtigungen

„Design für Menschen mit Beeinträchtigungen“ mag bei manchen kreative Schübe auslösen. Zumindest weitet dieser Gestaltungsanspruch den innovativen Horizont: Rollatoren, Gehstöcke, Krücken bis hin zum Kinderwagen lenken den Fokus bewusster Entwurfsgedanken mit einem Mal auf Vielfalt, Unterschiedlichkeit und Differenzierung.

Behindert sein will kaum einer, zumindest nicht öffentlich, jedoch beeinträchtigt sind fast alle, jeder für sich und jeder anders. Humanwissenschaft suggeriert individuelle Differenzierung: Design entsprechend geschlechtsspezifisch, altersabhängig, soziokulturell zugeordnet, physiologisch und psychologisch stets in eigenständiger Wirkung. Die Nachfrage nach personenbezogener Design- dienstleistung steigt in gleichem Maße wie die Erwartung nach individueller Care-Qualität in Bezug auf Gesundheit, Wellness und Wohlbefinden.

Gesundes Interior Design – Innenarchitektur

Anders als das auf die vielfache und vorurteilsfreie Ver- und Anwendung eines Produktes bezogene „Universal Design“ macht sich „Universal Interior“ die individuelle Unterstützung und heilsame Wirkung der (be-)schützenden räumlichen Umgebung zum Ziel und entwickelt dynamische, aus der jeweiligen Interaktion Mensch/Raum immer wieder anders definierte Formen von „Innenräume als Therapie“ oder „Gesundes Interior Design“.

Die wachsende Zahl von psychischen und soziopsychischen Beeinträchtigungen machen zudem deutlich, wie wichtig die räumliche Umgebung für Angstbewältigung und Verhaltenskorrekturen sein kann. Die erhoffte unterstützende und heilsame Wirkung des Raumes steht offenbar in direktem Zusammenhang zu mehr individueller Veränder- und Einstellbarkeit innenarchitektonischer Faktoren, größerer Anpassungsflexibilität der räumlichen Umgebung auf persönliche Befindlichkeiten und Gestaltung der interaktiven Schnittstelle Raum/Mensch, damit Freude und Spaß am Verändern nachhaltig bleiben. Erst dann wird Innenarchitektur subjektiv zur „Gesundheitsfördernden Maßnahme“.

Glaubwürdigkeit und Authentizität einer Gestaltungsphilosophie

Damit wird Design zum „Begleiter“, zum individuellen „Coach“, zum „Personal Creative Trainer“. Mehr als jedes plumpe Marketingtool erhöhen Health-Care-Design und Healing Environment die oft vermisste Glaubwürdigkeit und Authentizität einer Gestaltungsphilosophie. Ein Haus, eine Wohnung, das und die sich vom Grundsatz her um individuelle Bedürfnisse und spezielle Beeinträchtigungen seiner Bewohner, und seien dies auch nur temporäre Wohner wie Gäste, Patienten und Rehabilitanden, haben ein hohes Maß an Alleinstellungsmerkmalen vorzuweisen, das individuelle Bindung und Identifikation schafft.

Das „Wohnen von morgen“ gleicht dem „Patienten-, Hotel-, Heim- und Arbeitszimmer der Zukunft“: zunehmende Digitalisierung und Interaction-Design generieren die Schnittstelle „der Raum – die Dritte Haut“. Und ähnlich der ersten und zweiten Haut wird sie individuell gestaltet, geschmückt; Verletzungen werden versorgt und heil, verkrusten, vernarben und hinterlassen Spuren; und sie verfügt über den „Reset-Knopf“; alles wieder auf Null.

Und damit wird auch ein Paradigmenwechsel deutlich, der bislang offenbar eher im Verborgenen abzulaufen scheint: Waren die Bemühungen von Architekten und Designern bis dato gekennzeichnet vom hohen Maß an Technikkompetenz und Designqualität, stets aber im Allgemeinen operierend und an für alle mehr oder weniger gleichen Grundsätzen und Normen orientiert, kommen nun zusätzlich Empathie und Humanwissenschaft ins Spiel.

Innenarchitektur ist mehr als Sicherheitsdenken und Pflichterfüllung

Angewandte Humanwissenschaft ist jedoch auf der Basis von dem Wenigen des Grundsätzlichen meist individuell und von Fall zu Fall sehr verschieden – in jedem Fall aber mehr als die Norm. Es genügt eben nicht mehr, nur ein überzeugter Ästhet oder gar ein leidenschaftlicher Ingenieur zu sein. Sehr ungenügend ist es auch, lediglich die DIN 18040 dem Wort nach zu kennen.

Notwendig ist die Abgestimmtheit von Gestaltungs- und Technikkompetenz mit Rücksichtnahme auf individuelle Bedürfnisse und Beeinträchtigungen. Innenarchitektur ist demnach mehr als Sicherheitsdenken und Pflichterfüllung; sie ermöglicht subjektiven Bedeutungsgewinn und individuelle therapeutische Wirkung. Das Glück so vieler Menschen hängt von der empathischen Vorstellungskraft und vom anwendungsbezogenen Verantwortungsbewusstsein der Innenarchitekten/innen ab.

Inklusions-Design ist nicht nur richtig im Sinne eines Pflichtenheftes, es ist auch bedeutsam und gut in der Interpretation „Rücksicht nehmend auf jeden Einzelnen“. Healing Interior definiert den Mehrwert.

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Rudolf Schricker

Kolumnist

ist Professor an der Hochschule Coburg, Dipl.-Ing. Innenarchitekt BDIA, Planungsatelier Stuttgart und Coburg, did institut innenarchitektur+ design, Buchautor, Publizist, Gutachter.