Studierende der TU München entwickeln die Tür weiter

Die Tür – Vier Visionen

Studierende der Technischen Universität München entwickeln die Tür weiter. Sie schützt nun bei Erdbeben und gegen Keime, wird vernetzt und erleichtert Orientierung bei eingeschränkter Sehkraft. Vier Visionen. Geht doch!

Autor Paul Beck

Sie lauern überall. Winzige Keime kleben an Schubladen, Handys und Türgriffen. Bloß nichts anfassen. Die einen ziehen schon mal den Ärmel über den Handrücken, andere versuchen die Tür irgendwie aufzutreten. Und schon wieder ist da eine Klinke. Ist die auch wirklich sauber? 2014 warnte die DGKH (Deutsche
Gesellschaft für Krankenhaushygiene), dass sich alleine in deutschen Hospitälern rund eine Million Menschen mit Keimen infizierten. Was also tun? Die Hamburger Asklepios Klinik setzt auf penible Hygiene und auf Kupfer: Klinken und Lichtschalter, ja selbst Griffe bestehen aus dem antimikrobiellen Metall. Allerdings dauert es eine Stunde, bis die Mehrzahl der Bakterien (etwa 90 Prozent) abgestorben sind, Silberionen brauchen noch länger. Viel zu lange also für sensible Bereiche.

Integrierter Mehrwert

Wie wäre es also, wenn sich Klinken selbst reinigen würden, dachten sich Studierende der Technischen Universität München, als sie unter Leitung von Professor Fritz Frenkler und Diplom-Ingenieur Moritz Segers die Tür ganz neu betrachteten: nicht als Fertigteil oder Ausbaustandard, sondern als Aufgabe für Gestalter. Vier Gruppen entwickelten die Tür weiter. Sie schützt nun bei Erdbeben und gegen Keime und erleichtert Orientierung bei eingeschränkter Sehkraft.

Statt einem konventionellen Drücker entwickelten Susanne Bürglen, Yi Zheng und Korbinian Peters ‚Hygri‘, einen Ring, der ständig durch ein Gelenk rotiert, das ihn wiederum reinigt. Wie das genau funktioniert, wollten die Studierenden nicht verraten. Noch nicht: Offenbar trauen sie ihrer Erfindung viel zu – auch einen Erfolg am Markt. Der Griff soll intuitiv zu bedienen sein. Drücken und Ziehen erfolgt in Öffnungsrichtung. Zusätzlich erlaube die Formgebung eine „freihändige Verwendung“.

Die ersten Reaktionen sind ermutigend. Sanitärhersteller zeigen Interesse, und auch Thomas Bade, Geschäftsführer der IUD – Institut für Universal Design KG und Anreger des Semesterprojekts, klingt begeistert: „Der Markt lechzt nach relevanten Lösungen. Multiresistente Keime sind ein großes Thema. ‚Hygri‘ hat bereits industrielles Interesse geweckt. Ich denke, die Gruppe hat gute Optionen, mit dem Produkt ernst genommen zu werden.“ Dazu passt eine Meldung der Redaktion Testbild, die Hygiene in Hotels unter die Lupe nahm. Proben von Fernbedienungen, WC-Brillen und Türklinken ergaben in vielen Fällen einen Befall mit Bazillen. Da kommt ein hygienischer Griff gerade recht.

Die Tür, der kleine Dienstleister

Die ‚Erdbebenschutztür‘ von Philipp Fink und Magdalena Müller lässt sich durch einen Handgriff auffalten. Ausklappbare Zargenelemente vergrößern „den durch den Türsturz ohnehin schon bestehenden Schutzraum“, erklären die Studierenden. „Sie ist mit lokalen Frühwarnsystemen verbunden und verschafft kostbare Sekunden, um sich in Sicherheit zu bringen.“ Nun ist Deutschland zum Glück kein Gebiet mit starken Erdbeben, aber die verheerenden Erdstöße in Mittelitalien zeigten, dass viele Gebäude wenig Schutz bieten. Bis zu drei Millionen Italiener leben in der höchsten Gefahrenzone. Thomas Bade kennt noch einen anderen möglichen Einsatzort: Japan. „Im Zusammenhang mit den bereits 2020 dort stattfindenden olympischen Spielen. In der Regel nutzen Japaner zuhause Tische und Ähnliches als Schutzzone.“ Da könnte die Erdbebenschutztür in der Tat Hilfe bringen.

Der Orientierung haben sich sowohl das Projekt ‚M-Frame‘ (Tobias Bahne, Michael Then, Yvonne Cosentino, Ioannis Jyftopoulosals) als auch die ‚Info Door‘ (Dennis Gecaj, Johanna Gieseler, Danqing Huang, Svenja Nevermann) verschrieben. Erstere verbindet „türnahe Objekte“ wie Lichtschalter, Türschild und Zugangsregelung mit der Zarge und schafft
so ein eindeutiges, schnell wandelbares System.

Letztere soll Blinden und Sehbeeinträchtigten den Zugang zu Informationen an Türen ermöglichen. „Ziel ist es, das Produkt Tür universal nutzbar zu machen und dadurch zur Autonomie und Unabhängigkeit der Nutzergruppe beizutragen“, sagen die Studierenden. Doch was steckt dahinter? ‚Info Door‘ ist ein Orientierungssystem, bei dem Nutzer über eine App Informationen über Orte abrufen. Das können Apotheken ebenso sein wie Konzertsäle. Anbieter wiederum statten ihre Türen mit kleinen Bluetooth-Sendern, sogenannten Beacons‚ aus, die sie mit Inhalten bespielen und so zu einem dichten Informationsnetz verweben. Die App gibt es bereits als Download bei diversen Stores.

Vier Projekte, viermal ein Blick auf die Tür als Schnittstelle zwischen Architektur und Design, Informationstechnologie und sozialer Teilhabe. Eigentlich sei sie „ein ideales Thema“, sagt Moritz Segers, eine „komplexe Gemengelage aus Gestaltung, Brandschutz, Schallschutz und vielen anderen Anforderungen.“ Stillschweigend akzeptierte Standards zu hinterfragen, war erklärtes Ziel aller Studierenden. Es hat sich gelohnt. Mit einem Mal erscheint die Tür höchst wandelbar. Vor allem aber: stets verbesserungsfähig.

Technische Universität München

Lesen Sie weitere Fachbeiträge auf unsere Seite Opinion