Frage der Balance

Lichtplanung im Außenraum

Traditionell dient der Außenraum dazu, möglichst reibungslos von einem Gebäude zum anderen zu gelangen. Doch mehr und mehr rücken Themen wie Aufenthaltsqualität und damit auch das Thema Beleuchtung ins Blickfeld der Lichtplanung.

Autor Martin Krautter

Was haben Metropolen wie Stockholm, Melbourne oder Philadelphia gemeinsam? Nicht viel, doch sie sind alle Teil eines weltweiten Trends: nämlich der massiven Zunahme der Zahl von Café-Sitzplätzen im öffentlichen Raum der Innenstädte.

Auch wenn diese Tatsache – publiziert vom gefeierten Urbanisten Jan Gehl – auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen mag, so verdeutlicht sie doch die Veränderungen in der Nutzung urbaner Räume, die sich in den vergangenen Jahren vollzogen.

Wissenschaftler wie der Berliner Ethnologe Wolfgang Kaschuba reden bereits von der „Mediterranisierung“ unserer Städte: Das urbane Leben verlagert sich wieder stärker in öffentliche Räume. Und es dehnt sich nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich aus – denn typischerweise fällt der Aufenthalt im Stadtraum vor allem in die Freizeitphase der Abend- und frühen Nachtstunden. Womit wir beim Thema Lichtplanung wären.

Denn diese Veränderung in der Nutzung der Stadträume verlangt auch nach einem anderen Umgang mit Beleuchtung als dem, der sich viele Jahrzehnte lang vor allem an den Bedürfnissen von Fahrzeugen und Fußgängern als Verkehrsteilnehmern orientierte. Kriterien wie Aufenthalts- und Erlebnisqualität, die schon lange die Diskussion von Lichtgestaltung innerhalb des Interieur-Designs prägen, werden zunehmend auch auf Außenräume und insbesondere auf die Übergangszonen zwischen innen und außen oder zwischen unterschiedlichen Raumnutzungen angewendet.

Wir erleben eine zunehmende „Festivalisierung“ der Metropolen: Im Interesse des Stadtmarketings und des Tourismus wird der Stadtraum nicht mehr nur für temporäre Veranstaltungen in Szene gesetzt, sondern erlebt eine kontinuierliche Inszenierung. Wie wichtig die nächtliche Erscheinung der Stadt fürs Image und die subjektive Lebensqualität ist, unterstreicht auch die Vielzahl von Städten, die in den letzten Jahren mit Lichtmasterplänen ordnend und gestaltend die Weichen stellten.

Der „breite Pinsel“ ist in der Lichtplanung passé

Unterstützt wird dieser Trend auch durch die technische Entwicklung. Lange Zeit diktierte die verfügbare Technologie, nämlich leistungsstarke Gasentladungslampen, auch die Techniken der Lichtgestaltung: Nur mit solchen Lichtquellen waren Außenräume mit tragbarem Energie- und Wartungsaufwand zu beleuchten, doch sie ermöglichten Lichtplanung quasi nur mit dem breiten Pinsel. Die Differenzierungsmöglichkeiten, was Lichtfarben, Lichtverteilungen und Helligkeitsabstufungen angeht, waren äußerst beschränkt. Die LED, die sich in den letzten Jahren als Lichtquelle auch im Außenraum durchgesetzt hat, hat hier vielfältige neue Möglichkeiten geschaffen: Planer können jetzt statt mit wenigen großen mit vielen kleinen Lichtquellen arbeiten, es stehen präzise Lichtverteilungen vom extrem eng strahlenden Spot bis zum großzügigen Flutlicht zur Verfügung und statt der häufig lückenhaften Spektren der Gasentladungslampen sind LEDs in verschiedenen Lichtfarben verfügbar, die Menschen und Umgebung auch nachts in natürlichen Farben darstellen. Und nach dem Motto „Install and forget“ ermöglichen die neuen wartungsfreien Leuchten auch Montageorte, die für einen Lampenwechsel nur schwer zugänglich wären. Schließlich nimmt der geringe Energieverbrauch jenen Kritikern den Wind aus den Segeln, die hinter nächtlicher Beleuchtung im Stadtraum gleich verschwenderischen Luxus wittern.

Einige Projekte aus jüngerer Zeit eignen sich gut, um diese Verknüpfung von gesellschaftlichem, gestalterischem und technologischem Wandel zu illustrieren. Zum Beispiel die Beleuchtung, die die österreichische Künstlerin Siegrun Appelt für den Skulpturengarten des Frankfurter Museums Liebieghaus entwickelte: Unter dem Begriff „Langsames Licht / Slow Light“ formuliert sie ein Umdenken im Umgang mit Licht. Adäquat zum privaten Charakter der zum Museum umgewidmeten Stadtvilla thematisiert die Beleuchtung auf dezente Weise den Übergang zwischen privat und öffentlich. Mithilfe von modularen LED-Spots für den Außenraum setzt Appelt Licht präzise und dosiert ein, um Exponate und Wege zu kennzeichnen. Die vorhandenen altertümlichen Laternen mit opaken Glaskugeln reduziert sie auf ihre skulpturale Wirkung – sie dienen nicht mehr der Beleuchtung, sondern glimmen nur mehr als Objekte in variabler Lichtfarbe. Eine vergleichbare Wirkung hätte noch vor wenigen Jahren den Einsatz von Bühnen-Lichttechnik erfordert, die sich nicht für den dauerhaften Betrieb eignet – hier hat die LED neue gestalterische Spielräume geschaffen.

Renaissance des Stadtraums

Diese Spielräume nutzte auch der Architekt Fernando Menis für  sein Beleuchtungskonzept in dem Schweizer Dorf Bürchen. Wiederum sind es modulare LED-Lichtwerkzeuge, die unauffällig an den Gebäuden installiert sind. Dank guter Abblendung sind sie selbst kaum wahrnehmbar und beleuchten zugleich den öffentlichen Raum „multizonal“ und hoch differenziert. Kombiniert mit einer Platzmöblierung aus mehreren unregelmäßigen hölzernen Plattformen, die dank einer integrierten Beleuchtung zu schweben scheinen, entsteht ein zugleich mythischer und wohnlicher Eindruck. Resultat: Einwohner und Touristen entdecken jetzt auch in diesem Walliser Dörfchen den öffentlichen Raum wieder – als Treffpunkt und Aufenthaltsort.

Besonderes Augenmerk widmeten die Planer der Reflexion AG aus Zürich der Gestaltung von Übergängen in ihrem Lichtplanungsprojekt SBB-Tiefbahnhof Löwenstrasse, Zürich, das mit dem Deutschen Lichtdesign-Preis 2016 in der Kategorie Verkehrsbauten ausgezeichnet wurde. Hier kann man eine mustergültige Anwendung von Kalt/Warm-Kontrasten bei der Wahl der Lichtfarben betrachten: Während die erste unterirdische Ebene als Shoppingpassage in Anpassung an das Tageslicht hell, fast klinisch erscheint, hüllt sich die zweite Ebene mit den eigentlichen Bahnsteigen in eine erdig warme, golden schimmernde Atmosphäre.

Eine Besonderheit dieses Infrastruktur-Projekts: Planungs- und Bauphase zogen sich über so lange Zeit, dass die Lichtplaner im Verlauf ihr gesamtes Konzept von konventionellen Lichtquellen auf LED umstellen mussten – was, wie das Resultat zeigt, offensichtlich hervorragend gelang. Einige Kunstgriffe bei der Lichtplanung zwischen innen und außen lassen sich auch im Hotel und Spa Abadia Retuerta im spanischen Weinbaugebiet Ribera del Duero abschauen, wo der Architekt Marco Serra zusammen mit der Innenarchitektin Marlene Dörrie und den Lichtplanern von Licht Kunst Licht, Bonn, ein ehemaliges Kloster zur Luxusherberge umgestaltete.

Etwa, wie Patios durch die Kombination unbeleuchteter Wasserbecken als „Reflection Pools“ und der Einblendung der Fassaden durch Bodeneinbauleuchten zu Orten voller magischer Spiegelungen werden. Oder wie die Beleuchtung der äußeren Peripherie des voll verglasten Verbindungsbaus zwischen Klostergebäude und den ehemaligen Stallungen Reflexe auf den Glasscheiben minimiert und den Blick auf den mit Lichtakzenten inszenierten Außenraum richtet.

Solche Beleuchtungsprojekte aus ganz unterschiedlichen Bereichen zeigen: Die Lichtplanung trennt sich nicht mehr scharf nach innen und außen. Es entstehen Zonen des Übergangs, in denen Kriterien wie Aufenthalts- und Erlebnisqualität Relevanz erhalten: Ein dankbares Betätigungsfeld für Planer und Gestalter unterschiedlichster Disziplinen.

Licht Kunst Licht AG

Reflexion AG

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