Flexible Fassade für mehr Wohnraum

Prinzip Cabrio

Wo Wohnraum knapp ist, liegt es nahe, den Bestand zu optimieren – energetisch und in der Fläche. Ein Münchner Start-up verwandelt den Balkon in einen Wintergarten. Mit einer Gleitfassade aus Glas.

Autorin Nina Shell

Wie eine Semesterarbeit zu einem System führen kann, das eine bessere Raumnutzung und ein Plus an Energie erzielt, bewiesen Lisbeth Fischbacher und Daniel Hoheneder. Beide sind Innenarchitekten und Architekten. Das Ergebnis ihrer Arbeit war so überzeugend, dass sie damit aus der Uni heraus ein Start-up gründeten – mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Professoren von der Technischen Universität München (TUM).

Ausgehend von der Aufgabenstellung der Semesterarbeit – ein Sanierungskonzept für ein konkretes Münchner Wohnhochhaus in Schottenbauweise mit katastrophaler Energiebilanz zu kreieren – übten sie sich nicht an den üblichen Fassadenlösungen, sondern dachten tiefer: Das erläutert Daniel Hoheneder: „Wir wollten energetisch optimieren, also im Winter mehr Wohnraum erzeugen und gleichzeitig die solare Einstrahlung in die Wohnung vergrößern, indem wir die Verschattung verringern. Gleichwohl war es unser Ziel, im Sommer die Möglichkeit eines Balkons zu haben“,, setzt er fort.

Die selbst gestellten Anforderungen mündeten in die Entwicklung der ersten flexiblen Fassade, genannt ‚Flissade‘. Dabei sind die Glaswände, nicht wie sonst üblich, fest montiert, sondern wandlungsfähig: Im Sommer bleibt der Balkon Balkon, im Winter dient er als Wohnraum mit mehr Sonneneinstrahlung.

Der Architekt und Innenarchitekt ist nach wie vor begeistert von der Idee: „Betrachtet man das abstrahiert, ist das Ergebnis im Vergleich zu anderen etwas wirklich Schönes – eine adaptive Gebäudehülle, die nicht automatisch gesteuert wird, sondern durch den Menschen und dessen Bedürfnisse an seinen Wohnraum.“

Dass die Gestaltungsidee in ein vermarktbares Produkt münden soll, hatten die beiden Architekturstudenten anfangs allerdings nicht auf dem Schirm. Doch sie dachten in Systemen und nicht allein daran, eine konkrete Aufgabe zu lösen. Was das im Allgemeinen bedeutet, beschreibt Christos Chantzaras, Dozent der TUM-Fakultät für Architektur: „Wir streben an, dass man die Architektur nicht mehr nur mit einem Gebäude, sondern mit einem Systemdenken im größeren Kontext verbindet. Das Wissen und die Werkzeuge, die man sich während des Studiums aneignet, sollen nicht allein auf einen Gebäudeentwurf ausgerichtet sein, sondern auf kreative Lösungen für größere Fragestellungen.

Blick über den Tellerrand

Genau das setzten Lisbeth Fischbacher und Daniel Hoheneder um. Dabei hätte ihr studentisches Projekt wie so viele andere nach der Präsentation in der Schublade verschwinden können.

Doch Professor Gerhard Hausladen von der TUM erkannte sofort das Potenzial des Konzepts. Er ermutigte das Duo, die Idee weiterzuverfolgen. Ein Glücksfall insofern, als gerade das in der klassischen Lehre noch bei Weitem nicht an der Tagesordnung ist: das Entwickeln und Aufzeigen der Möglichkeit, eine Idee unternehmerisch weiterzuverfolgen.

Beratungsgespräche bei der universitätsnahen UnternehmerTUM folgten, und – ganz wichtig – der Gang zum Patentanwalt, um sich die Idee schützen zu lassen. Derlei praktisches Wissen, etwa die Relevanz, sich für innovative Ideen Schutzrechte zu sichern, sollten zu den Grundlagen gehören, die auch ein Architekturstudium vermitteln muss. Da haben Fischbacher und Hoheneder soweit alles richtig gemacht: Heute halten sie 27 Patente in 27 Ländern. Eine reife Leistung für ein Start-up, zieht man in Betracht,, welch finanzieller Aufwand hinter den Patentrechten steht. Das gelang unter anderem mithilfe verschiedener Förderprogramme.

Hoheneder erinnert an den Ausgangspunkt: „Die künftige Vermarktung und der Zugewinn an der kostbaren Ressource Wohnraum, waren nicht Teil der Fragestellung, zumindest nicht in dem Sinn, dass das monetär verwertbar sein könnte. Uns interessierte das Projekt in erster Linie aus der Nutzungsperspektive heraus.“

Dass Fischbacher und Hoheneder zunächst nicht in ökonomischen Dimensionen dachten, unterscheidet ihren Ansatz deutlich von den klassischen Methoden professioneller Inkubatoren, die mit Methoden wie Business Model Canvas oder Business Games sehr schnell auf den Markt fokussieren, sagt Chantzaras. Der Perspektivwechsel, der den Nutzen, die tiefere Beschäftigung mit einer Aufgabe oder eines Problems über das Ziel der Vermarktung stellt, steht bei diesen Ansätzen im Vordergrund.

Einen Inkubator anderer Art fördert Chantzaras an der TUM. Der Architectural Research Incubator, eine Erweiterung des bestehenden Research Labs unter Leitung von Dr. Gerhard Schubert, will auf universitärem Niveau die Interdisziplinarität stärken und forschungsrelevanten und zukunftsfähigen Ideen jenseits des klassischen Gebäudeentwurfs eine Plattform und Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu bieten.

Weg von der Architektur

Zurück zu ‚Flissade‘. Nach der Initialzündung sind die beiden jungen Architekten einen großen Schritt weiter. Als Industriepartner haben sie einen der renommiertesten Vertreter der Szene gewonnen – das Unternehmen Frener & Reifer. Die Südtiroler haben sich auf individualisierte Lösungen spezialisiert, eindrücklich gezeigt durch die Zusammenarbeit bei der Realisierung von Projekten diverser Pritzker-Preisträger. Ein Unternehmen, das die gute Idee nicht als Produkt vom Fließband sieht, sondern deren Potenzial ebenso erkennt wie seinerzeit Professor Hausladen. Ein weiterer Glücksfall.

Daran lässt sich ablesen, zu was der Architekt von morgen in die Lage versetzt werden kann. Zwar stammt die Idee des energie- und raumeffizienten Wohnens im weitesten Sinn aus der Architektur. Doch das Duo ist heute in ganz anderen Sphären unterwegs, die mit der ursprünglichen Ausbildung nichts gemein zu haben scheinen. Es könnte aber für viele andere ein Vorbild sein.

Um das Produkt erfolgreich in den Markt zu bringen, beschäftigen sich die Architekten heute mit eher artfremden Themen. Derzeit sind sie dabei, eine perfekte Wertschöpfungskette inklusive digitalem Planungstool zu entwickeln. Hinter dem Werkzeug steckt die Idee des einfacheren Vernetzens von Bauträger und Hersteller. „BIM2production“ nennen sie das Tool, das künftig ermöglichen soll, im Bestands- und Neubau das von ihnen entwickelte Fassadensystem nicht nur im Sinne der Energieeffizienz, sondern vor allem mit Blick auf qualitätvolles Wohnen für den Nutzer zu garantieren.

So dargestellt, hat das Duo bereits einen langen Weg von der Idee bis zur Umsetzung hinter sich – mit der besten Aussicht, den städtischen Wohnungsbau nachhaltig zu revolutionieren. Energetisch wertvoll ist das Produkt obendrein.

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