16. Architekturbiennale Venedig 2018

Freiraum als Metapher

Am 25. November endet die Architekturbiennale, die Architektenshow in der Lagunenstadt. Yvonne Farrell und Shelley McNamara spannen mit ‚Freespace’ den Themenbogen weit. Besonders im Herbst ist die Erkundung lohnenswert, rät unsere italienische Autorin.

Autorin Cecilia Fabiani

Auch bei der 16. Auflage der weltweit beachteten Architekturbiennale liegen die zentralen Schauplätze fußläufig in Venedigs Innenstadt: im Arsenale und in den Giardini. Unter dem Motto ‚Freespace’ gaben die diesjährigen Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara von Grafton Architects aus Irland ein richtungsfreies Thema vor. Für die mit öffentlichen Bauten – wie den Hochschulen in Dublin, Lima oder Mailand – bekannt gewordenen Architektinnen scheint das naheliegend.

Das Wort- und Denkspiel ‚Freespace’ verweist neben dem Schaffen geistiger Freiräume auf eine Auseinandersetzung von der (gebauten) Umwelt bis zur Ethik. In ihrem Manifest: „We see the earth as a client; this brings with it long-lasting responsabilities“ betrachten die Graftons den Planeten Erde aus der Sicht des Kunden. „Das verpflichtet zur Nachhaltigkeit“.

Erst das zweite Mal in der langen Geschichte der Architekturbiennale gelang es, eine weibliche Leitung zu berufen. Farrell und McNamara folgen der Japanerin Kazuyo Sejima/SANAA, die sich 2010 für das Thema ‚People meet in Architecture’ entschied. Nach Sejima oder auch den ‚Common Grounds’ des Engländers David Chipperfield 2012 wirkt der Ansatz dieses Jahr zwar interessant, doch nicht wirklich neu. Und er ist es erst recht nicht im Vergleich zu dem engagierten Diskurs, den der Chilene Alejandro Aravena 2016 mit ‚Reporting from the front’ in Venedig entfachte.

Nicht wirklich neu

Korrekt, ohne revolutionär zu sein, zeugt die diesjährige Architekturbiennale jedoch von Offenheit. Das beginnt bei der szenografischen Ausstellungsarchitektur der beiden zentralen Locations, dem Arsenale wie den Giardini. So wurde die ehemalige Funktion der Corderie dell’Arsenale (Seilerei) durch einen Vorhang aus Tauen betont; während im zentralen Gebäude der Giardini ein Fenster von Carlo Scarpa freigelegt wurde.

Auch die von Grafton kuratierte Hauptausstellung öffnet sich auf ihre Weise. Sie präsentiert 71 Architekturbüros aus aller Welt – besonders interessant, unserer Meinung nach, die asiatischen von Indien bis China – und zwei Sonderthemen. So wird die Lehrtätigkeit ‚The practice of Teaching’ anhand von 13 Beispielen, bedauerlicherweise vorwiegend der Schweizer Elitehochschule Mendrisio, veranschaulicht, während mit ‚Close Encounter’ 16 Architekten aus Irland auf die Bedeutung der Vergangenheit verweisen. Der Bezug zu Venedig und/oder zu seiner Geschichte wird auch an anderen Stellen sichtbar. Sei es mit den nicht realisierten Stadtplanungen von Kahn, Wright, Noguchi, Corbusier. Oder mit den Beispielen von Utzon, Lina Bo Bardi, Caccia Dominioni, Galfetti.

Zentrale Orte

Überraschungen entdeckt man eher bei den Länderbeiträgen, die jedes Jahr zahlreicher werden: Antigua & Barbuda, Saudi Arabien, Guatemala, Libanon, Litauen und der Vatikan sind 2018 dazugekommen. Dabei interpretiert ein jeder, egal ob Alt- oder Neuteilnehmer, das Thema nach seiner Fasson: Holland analysiert die Freiräume zwischen Maschine und Mensch; Japan befasst sich mit ethnographischer Architektur, sprich der Erforschung eines Entwurfs aus Sicht seiner Benutzer.

Andere Beiträge thematisieren den Freiraum als Verlust desselben. Mexiko etwa oder Skandinavien. Auch Großbritannien, das seinen Pavillon für das Projekt ‚Island’ (Sarah Mann, Architecture Design Fashion British Council) konsequenterweise vollständig leer geräumt hat. Australien hingegen hat seinen Pavillon befüllt: mit 10 000 wild wachsenden Pflanzen (‚Repair’, Baracco+Wright Architects).

Ein breites Spektrum konkreter Ansätze fächert die Sichtweisen auf den freien Raum auf. Die Schweiz – sie gewann den Preis für den besten Länderbeitrag – überzeugte mit ihrer ‚House Tour’ (Alessandro Bosshard, Li Tavor, und Matthew van der Ploeg) mit verwirrenden Proportionen im Innenraum à la Alice im Wunderland.

Israel dagegen zeigte fünf Orte, in denen die verschiedenen Religionen um Koexistenz ringen.

Oder Frankreich. Seine ‚Infinite Spaces’ (Encore Heureux-Team) entwickeln eine positive Perspektive: zehn bauliche Umnutzungen, die bürgerschaftlichen und kommunalen Initiativen zu verdanken sind.

Deutschland mahnt mit ‚Unbuilding Walls’ (Marianne Birthler mit Graft) den ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer als symbolhaften Unort und Gegenstück zum Freiraum an.

Italien liegt die Umwelt am Herzen, Kurator Mario Cucinella setzt bei seinem ‚Arcipelago Italia’ auf maßstäbliche kleine Entwürfe in der Provinz. Um die Landschaft geht es auch bei China – mit vielen Entwürfen privater sowie öffentlicher Bauten von unerwarteter Qualität.

Die Bandbreite

Spannend auch Alvar Aaltos Pavillon für Finnland. Er wird in eine Bibliothek verwandelt. Man feiert dort die Central Library von ALA Architects, die demnächst in Helsinki fertiggestellt sein wird. Wissen bedeutet schließlich geistige Freiheit.

Nicht alle Länderbeiträge finden sich in den Giardini und dem Arsenale. Diejenigen Staaten, die keinen eigenen Pavillon in Venedig besitzen, stellen andernorts in der Stadt aus. Auch der Vatikan. Er ist zum ersten Mal dabei.

Seine ‚Vatican Chapels’ bespielen ein Wäldchen aus Bäumen und Buschwerk auf der Insel S. Giorgio – und haben uns mit Abstand am meisten beeindruckt. Kurator Francesco Dal Co wählte die Waldkapelle, die Gunnar Asplund 1920 für den Friedhof von Stockholm entwarf, als Referenzprojekt und hatte zehn internationale Architekten zur Gestaltung ihrer eigenen Kapelle eingeladen – Orte der Besinnung und der Begegnung, realisiert im Maßstab 1:1 (von Sponsoren).

In der Stadt

Der Besucher startet seine Erkundungstour an der von Stabkirchen inspirierten Kapelle von Magnani und Pelzel, wo er die Originalzeichnungen von Gunnar Asplund einsehen kann.

Ein wunderbarer Waldspaziergang, an dessen Ende jedes der zehn kleinen Meisterwerke auf seine Art zur inneren Einkehr anregt. Unser Favorit? Schwer zu sagen. Der Beitrag überzeugt als Ganzes. Foster, Souto De Moura und Fujimori sollten Sie jedoch keinesfalls auslassen.

Auch Portugal, im Palazzo Giustinian Lollin, unweit der Accademia-Brücke, sollte man nicht versäumen. Nuno Brandao Costa und Sérgio Mah wählten für ihre Ausstellung ‚Public Without Rhetoric’ zwölf aktuelle öffentliche Bauten von Architekten unterschiedlicher Generationen. Sie zeugen von besonderer Qualität und beweisen das Gewicht, das dem gemeinnützigen Bauen trotz der schweren Wirtschaftskrise gegeben wurde.

Wer zwischen dem 14. und 30. September in Venedig ist, für den lohnt sich die Ausstellung ‚Homo Faber. Crafting a more human future’, ebenfalls auf der Insel S. Giorgio. Das Megaevent der Stiftung Michelangelo ist dem Kunsthandwerk gewidmet. Freier Eintritt nach Anmeldung auf www.homofaberevent.com/

Diese Show gehört ebenso wenig zur Architekturbiennale wie die anderer unabhängiger Institutionen, die in der Stadt ein umfangreiches Begleitprogramm (collateral events) veranstalten: Die Fondazione Vedova, eine Stiftung des Künstlers Emilio Vedova, zelebriert in den Magazzini del Sale eine Hommage an Renzo Piano, der der Stiftung vor zehn Jahren einen Entwurf für den Umbau dieser außergewöhnlichen Location schenkte: ‚Renzo Piano Progetti d’Acqua’, eine Video- und Soundinstallation von Studio Azzurro mit 16 Entwürfen rund ums Wasser.

Collateral Events

Im Museum Peggy Guggenheim erfährt man in einer kleinen aber feinen Ausstellung, wie die Kunstmäzenin im Jahr 1948 zum ersten Mal ihre Kollektion zeigte, und zwar in den Giardini, inszeniert von Carlo Scarpa.

Wer dann noch etwas Besonderes sucht, sollte sich im ‚Quadri’ in die erste Etage begeben und einen brandaktuellen Philippe Starck ansehen: Das Interieur changiert zwischen seriösem Handwerk und ironischer Überhöhung. Vom Edelrestaurant an der Piazza San Marco ist es anschließend nicht weit zum historischen Olivetti-Laden von Carlo Scarpa – einem Klassiker, an dem man sich nie sattsehen wird. Starck und Scarpa, Welten liegen dazwischen.

So verschieden kann die Auffassung von architektonischer Gestaltung sein. Das macht die Frage nach den Freiräumen nur noch spannender – besonders anlässlich der Architekturbiennale.

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Arrival Country


16th Venice Biennale of Architecture

Free space as a metaphor

On November 25, the architectural show in Italy’ s city of lagoons will close its portals. With their ‘Freespace’ project, Yvonne Farrel and Shelley McNamara cast the range of themes very wide. Our Italian author says that its exploration is worthwhile, especially in autumn.

Author: Cecilia Fabiani

At the 16th edition of this globally renowned architecture exhibition, the central locations, the Arsenale and the Giardini, can again be reached on foot in Venice’ s city center. Yvonne Farrell and Shelley McNamara from Grafton Architects in Ireland, this year’ s curators, have set a random (richtungsfrei?) topic under the motto of ‘Free space’ . A motto that seemed obvious to the two architects who became known for public buildings like the universities in Dublin, Lima or Milan. Apart from referring to the creation of mental free spaces, the ‘ Freespace’ mind-and-word game tackles an analysis covering subjects from our (built-up) environment to ethics. In their manifesto, they say, „we see the earth as a client; this brings with it long-lasting responsibilities. This means that we have to behave in a sustainable manner“.

Not exactly new

It is only for the second time in the long history of the Biennale that female curators were appointed. Farrell and McNamara succeed Japanese architect Kazuyo Sejima/SANAA, who had chosen the motto of ‘People meet in Architecture’ in 2010. True, after Sejima or the ‘Common Grounds’ of Englishman David Chipperfield in 2012, this year’ s approach looks interesting but it is not really new. And it is still less when compared with the committed discourse triggered off in Venice by Chilean Alejandro Aravena in 2016 with his ‘ Reporting from the front’ theme.

Central locations

However, this year’ s Biennale, correct without being revolutionary, is characterized by openness. There’ s for instance the scenographic exhibition architecture of the two major locations, the Arsenale and the Giardini. The former role of the Corderie dell’
Arsenale (ropemaking works), for instance, was emphasized vertically by a curtain of ropes, while in the central building of the Giardini a window designed by Carlo Scarpa was uncovered.

The main exhibition, curated by Grafton, opens up in its own way, too. It presents 71 architects’ studios from all over the world. In our opinion, the Asian ones from India to China are of special interest. On top of it, there are two special subjects. Teaching activities, for instance, are illustrated under the heading of ‘The practice of Teaching’ with 13 examples that to our regret öinantly come from the Swiss elite university of Mendrisio, while 16 architects from Ireland point out the importance of the past with their ‘ Close Encounter’ contribution. The reference to Venice and/or its history becomes evident elsewhere as well. There are, for instance, the urban-planning designs by Kahn, Wright, Noguchi or Corbusier, that were not implemented. Or examples by Utzon, Lina Bo Bardi, Caccia Dominioni or Galfetti.

The spectrum

You will rather be surprised by the national contributions which become more numerous year after year. In 2018, Antigua & Barbuda, Saudi Arabia, Guatemala, Lebanon, Lithuania and the Vatican joined the list. Each of them, no matter if they take part for the first time or are long-time contributors, interpret the motto in their own way. The Netherlands analyze the free spaces between man and machine, Japan tackles ethnographic architecture, i.e. the research of a design from the users’ view.

Other contributions thematize free space as something that has been lost. For instance Mexico and Scandinavia. Also Great Britain whose pavilion for the ‘ Island’ project (Sarah Mann, Architecture Design Fashion British Council) was completely emptied as a consequence. Australia, on the other hand, filled the pavilion with 1,000 wild plants (‘ Repair’ , Baracco+Wright Architects).

A broad spectrum of concrete approaches displays the views of free space. Switzerland, prize winner for the best national contribution, convinced with its ‘House Tour’ (Alessandro Bosshard, Li Tavor,and Matthew van der Ploeg) featuring disturbing proportions in interiors that are reminiscent of Alice in Wonderland. Israel, however, presented five places where the different religions struggle for co-existence. Or take a look at France. The ‘Infinite Spaces’ project (Encore Heureux Team) develops a positive perspective: ten structural conversions that came into being thanks to civil and communal initiatives.

With ‘Unbuilding Walls’ (Marianne Bithler with Graft) reminds us of the former death strip at the Berlin wall as a symbolic “space off” and a contrast to free space.

Italy is concerned about the environment. With his ‘Arcipelago Italia’ , curator Mario Cucinella banks on small-scale designs in the provinces. The landscape is also China’ s subject with many designs of private and public buildings of a high quality.

Alvar Aalto’ s pavilion for Finland is doubtlessly very fascinating. It has been transformed into a library. The Central Library by ALA Architects is celebrated here, which will be completed in Helsinki in the near future. After all, knowledge means intellectual freedom.

In the city

You will not find all the contributions in the Giardini and the Arsenale. Countries not possessing an own pavilioin in Venice exhibited at other places in the city. As for instance the Vatican, participating for the first time.

The ‘ Vatican Chapels’ are located in a small wood of trees and shrubbery on the island of San Giorgio, and they impressed us most by far. Curator Francesca Dal Co chose the wood chapel designed by Gunnar Asplund for the cemetery of Stockholm in 1920 as a reference project. He had invited ten international architects to design a chapel of their own as places of contemplation and encounter, implemented by sponsors on a scale of 1:1. Visitors start their exploration tour at the chapel by Magnani and Pelzel, inspired by stave churches, where original drawings by Gunnar Asplund are on display. It is a wonderful walk through the wood, at the end of which the ten little masterpieces, each in their own way, invite visitors to contemplate. Our favorite? Difficult to say. The contribution is convincing as a whole. But you shouldn’ t miss Foster, Souto De Moura and Fujimori by no means.

Collateral events

Portugal, showing its contribution at Palazzo Giustinian Lollin near the Accademia bridge, should not be skipped either. Nuno Brandao Costa and Sérgio Mah chose twelve contemporary public buildings designed by architects from various generations for their ‘ Public Without Rhetoric’ exhibition. They witness exceptional quality and underscore the importance Portugal has assigned to communal building despite a heavy economic crisis.

If you are in Venice between September 14 and 30, you should pay a visit to the worthwhile ‘Homo Faber. Crafting a more human future’ exhibition, also on the island of San Giorgio. This mega event of the Michelangelo Foundation pays homage to craftsmanship. Free admission after registration at www.homofaberevent.com/.

The show is not part of the Biennale same as that of other independent institutions that present a comprehensive fringe program (collateral events) in the city. Fondazione Vedova, a foundation of the artist Emilio Vedova, celebrates a homage to Renzo Piano at the Magazzini del Sale, who has donated to the foundation a design for the conversion of this exceptional location ten years ago. ‘Renzo Piano Progetti d’ Acqua’ is a video and sound installation by Studio Azzurro presenting 16 drafts concerned with water.

At the Peggy Guggenheim museum, you will learn in a small but excellent exhibition how this patron of the arts showed her collection in 1948 for the first time at the Giardini, enacted by Carlo Scarpa.

If you are then still on the lookout for something special, you should go to the second floor of the ‘Quadri’ and look at a highly topical Philippe Starck: the interiors fluctuate between serious craftsmanship and ironic exaggeration. From the noble restaurant you can then proceed to the nearby historical Olivetti shop by Carlo Scarpa, a classic that you can hardly stop looking at. Starck and Scarpa are worlds apart. This shows how different concepts of architectural design can be. Which makes it even more fascinating to find out about free spaces – especially on the occasion of the Biennale.