China
‚nomadic shelf‘ von Mingdu Studio, ein Beispiel für Chinas neue Produkte, die nachhaltiger und besser im Design und in ihrer Qualität werden sollen.
Foto: Mingdu Studio
Innovation und Nachhaltigkeit in China

Das Grüne im Auge des Drachen

China hat als größter Binnenmarkt der Welt ein Beschaffungsprogramm für grüne Produkte gestartet. Doch deutsche Unternehmen nutzen diese Chance nicht. Warum? Beobachtungen von Nils Bader aus dem Land der aufgehenden Sonne.

Waren Sie schon einmal in China? Das erste Mal bereiste ich das Land als Tourist im Jahr 2007 und fand ungefähr das vor, was man sich gemeinhin vorstellte: Tempel, jede Menge Fahrradfahrer, knatternde Mopeds und schlecht imitierte Produkte an jeder Ecke. Taxifahrten wurden ab und zu unterbrochen, weil der Fahrer Freunde von einer Telefonzelle aus anrief, um nach dem Weg zu fragen. Die Reisen zwischen den Städten waren lang, die Verbindungen beschwerlich und es gab nichts Spannendes zu sehen – außer den Baukränen am Horizont.

Als ich acht Jahre später wieder nach China reiste, dachte ich zuerst, der Pilot hätte sich verflogen. Alle Roller fuhren mit Elektroantrieb und Städte in den Ballungsräumen gingen nahtlos ineinander über. Unzählige High-Speed-Trains durchziehen mit bis zu 330 km/h das Land.

An der Universität Shenzhen stellte mir der Dekan für Innovationsmanagement – dessen Name auf der Visitenkarte leider nur auf chinesisch stand – das Rückgrat der neuen Wirtschaft Chinas vor: kurz BAT. Das steht für die Unternehmen Baidu (vergleichbar mit Google), Alibaba (nach eigenen Angaben die größte IT-Firmengruppe Chinas) und Tencent (digitale Kommunikation). Kurz: China ist digital, vernetzt, expansiv und sehr schnell unterwegs.

Wachstum ist immer noch das ultimative Ziel. Die Abkehr von der Ein-Kind-Politik, eine extreme Exportsteigerung und explodierende Städte erfordern mehr Bautätigkeit und Produktion. Natürlich gibt es auch ein ‚aber‘: Umweltbedingte Erkrankungen nehmen zu. Der Wasserverbrauch der Industrie steigt rapide. Smog ist Alltag.

Es muss sich etwas ändern, das wissen auch die Chinesen. Im Oktober 2017 ordnete die Regierung in der Provinz Hebei, nahe Peking, die Schließung von Kraftwerken und Fabriken bis Mai 2018 an. Die sogenannte Provinz ist ein Industriestandort mit 90 Mio. Einwohnern. In Deutschland wäre das undenkbar.

Ist das nur Kosmetik? Nein. Es geht um die radikale Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Qualität, mehr Service und alternativen Produkten. Das ist dem 13. Fünfjahresplan (2016–2020) von 2015 zu entnehmen. Die Hauptthemen: Qualität, Nachhaltigkeit, Harmonie, Innovation und Kooperation. Die Regierung lässt zurzeit eine Übersicht mit 10  000 grünen Produkten erstellen, die ab 2020 die Einkaufsliste für öffentliche Beschaffungen sein soll. Auch 100 grüne Modellprojekte und die Eröffnung von 100 grünen Design-Centern sind in diesem Plan verankert.

Tatsächlich werden Fabriken, die sich nicht an die Emissionsvorschriften halten und alte Produkte produzieren – also ohne Qualität, Service und umweltschädlich – im großen Stil stillgelegt. Es stellt sich die Frage, ob und wie so ein historisches und weltweit einzigartiges Programm umgesetzt werden kann. Wir blicken durch die md-Brille:

Architecture: Seit Langem ist nachhaltiges Bauen in China ein für deutsche Verhältnisse bezüglich des Projektvolumens großes Thema. Die Messe München eröffnete 2017 einen Ableger ihrer Bau-Messe in Shanghai. Große Architekturbüros und Projektsteuerer haben längst Satellitenbüros gegründet mit florierender Auftragslage. Die großen chinesischen Bauträger bauen Forschungsbereiche auf, um sich mit dem Thema Nachhaltigkeit im Bau auseinanderzusetzen. Wie groß der Anteil an nachhaltigen Gebäuden ist, weiß man nicht. Der Großteil der bis dato gebauten Gebäude, meist Hochhäuser, hat damit wenig zu tun.

Interior: Die Messe Köln feiert in China mit ihren Formaten Imm, Orgatec und Interzum große Erfolge. Das Interesse an nachhaltigen Materialien steigt merklich. Der Beruf des Innenarchitekten ist in China noch relativ neu. Es gibt bereits Showcase-Projekte, diese stehen aber im krassen Gegensatz zu Rooftop-Gärten mit Kunststoffbäumen.

Design: Produktdesigner und europäische Markenhersteller sind in China sehr geschätzt. Es gibt viele Designcenter und regierungsnahe Institutionen wie Designverbände laden zu Ausstellungen ein.

Der Weg nach China ist kein leichter. Neben den sprachlichen Hürden – der Name des Dekans ist nur ein Beispiel – sind die bürokratischen Hürden immer noch hoch. Offiziell will man in China erst einmal Freundschaft schließen. In Deutschland gilt: „Bei Geld hört die Freundschaft auf“.

Die übliche Regel für Zahlungen, die einige Produktdesignstudios bestätigten, lautet: 50 % Vorkasse bei Vergabe des Auftrags, 40 % für den fertigen Entwurf und 10 % nach Übergabe der Produktionsdateien. Die Quote für die Auszahlung der letzten 10 % liegt bei 1 zu 20. De facto wird sie nicht mehr bezahlt.

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Autor Nils Bader

ist Initiator des internationalen Green Product Awards. Als Berater unterstützt er Unternehmen bei der Transformation, als Speaker setzt er Impulse für grüne Innovationen.