Im Portrait: Prof. Dr. Sabine Schulze, MKG Hamburg

Nähe zum Menschen

Design im Museum? Was bieten die etablierten Ausstellungshäuser angesichts neuer Medien und neuer Besuchergenerationen? Wie vermitteln sie Inhalte? Ein Portrait der Intendantin Sabine Schulze, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Die Aufklärung ist nicht vorbei. Sie ist eine immerwährende Anstrengung quer durch alle Zeiten. Und diese Frau gehört dazu: Professor Dr. Sabine Schulze, möchte nicht nur ausstellen und einordnen, sie möchte sich ein-mischen in den gesellschaftlichen Diskurs. „Mich interessiert die Nähe zum Menschen“, bekennt die Intendantin des traditionsreichen Hauses gleich am Hauptbahnhof. Und legt nach: „Ich möchte überzeugen, nicht missionieren. Museen wie das MKG sind wichtig in der heutigen Gesellschaft. Sie können Themen aufgreifen, die Menschen berühren.“ Was aber genau meint die gebürtige Frankfurterin damit?
Was kann ein Museum angewandter Kunst im 21. Jahrhundert leisten, was ist Ihre Mission? „Das Wort Mission behagt mir nicht“, antwortet sie. „Das Material ist für uns wichtig. In der Gründungszeit, Ende des 19. Jahrhunderts, wurden Häuser wie unseres nach Materialien geordnet: Holz, Glas, Stein, Silber. In der Gegenwart müssen wir nachdenken über einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Wieviel Wasser wird verbraucht für ein T-Shirt, das wir einmal tragen … ? Eine verheerende Bilanz. Darüber aufzuklären, halte ich für eine entscheidende Aufgabe.“ Da ist sie: die Aufklärung, der Wunsch zu wirken. Damit hat Sabine Schulze Erfahrung. Mit Ausstellungen wie ‚Fast Fashion‘ oder ‚Endstation Meer‘ hat das Haus die Schattenseiten unserer weltweit getakteten Produktion beleuchtet, den massenhaften Verschleiß an Ressourcen, die Produktionsbedingungen, die ungeklärte Entsorgung von Dingen. In diesem Jahr geht es weiter mit der Schau ‚Food Revolution 5.0 – Gestaltung für die Gesellschaft von morgen.‘ Schulze öffnet die Grenzen der Gestaltung und nimmt die Konsequenzen unseres Konsums in den Blick. Was, wenn aus all den Verbrauchern plötzlich aufgeklärte Nutzer würden? Wäre die Welt anders? Immerhin scheint das Konzept zu verfangen. Über 200 000 Besucher fanden 2016 den Weg ins Museum.
Space Invaders gegen Samurai
Im zweiten Obergeschoss fiept und ziept die Schau ‚Game Masters‘, die mit ihren spielbaren Automaten aus der Frühzeit der Computerspiele bei manchen Zockern nostalgische Gefühle weckt. Da stehen sie, die Urväter der digitalen Unterhaltungsindustrie: ‚Space Invaders‘ und ‚Pac-Man‘, dahinter tanzt eine Boygroup zu eigenen Rhythmen – Wii Konsole und Co. machen es möglich. Mitmachen, eintauchen, nicht nur auf den Sockel stellen, das ist eine Antwort des Museums auf eine paradoxe Lage: Wir leben in einer durch und durch gestalteten Welt, doch gerade die Häuser, die sich den Dingen verschrieben haben, müssen sie auch erhalten für kommende Generationen.
Daher fordert Sabine Schulze auch: „Design muss als Teil des jeweiligen Lebenszusammenhangs verstehbar werden. Keine einzelnen Objekte auf Sockeln zu sogenannten Ikonen stilisieren, sondern gesellschaftlichen Kontext herausarbeiten.“ Wie aber soll das gehen? Wie lässt sich der Glassturz lüften, wie ein Ding erfahrbar machen? Ein Gang durch das Haus gibt Antworten. Die Dinge stehen in Vitrinen der Zeit, sie sind zu Ensembles geformt oder stehen als Teile einer großen Bewegung da, formal wie geistig. Das ist ein erster Schritt: Kontext herstellen, Dinge einbetten in das Leben, das sie einst umgab.
Die Direktorin sieht etwa den Jugendstil, ein Schwerpunkt des MKG, als „mutige Reformbewegung, die sich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen für Künstler und Handwerker im aufkommenden industriellen Zeitalter wendet und gegen minderwertige Materialien bei standardisierter Massenware.“ Wenn also die „Designer“ von einst gute, funktionale Gestaltung forderten für breite Bevölkerungsschichten, fragt Sabine Schulze zugleich: „Hat das funktioniert?“ Die Ausstellung 2015 trug den Titel ‚Jugendstil. Die große Utopie.‘ Da ist es natürlich selbstverständlich, dass ein Objekt, wie Charles Rennie Mackintosh’ Stuhl für den Argyle Street Tea Room, ein dunkler Kubus aus gebeizter Eiche mit weit ausladenden Armlehnen, in der permanenten Ausstellung vor einem übergroßen Foto des Billard-Raums eben dieser sozialen Einrichtung steht. Das Besondere: Hier saßen keine Ladies der gehobenen Gesellschaft und führten ihre Teetassen mit abgespreiztem kleinem Finger an den Mund, sondern Arbeitslose, die von der Straße geholt werden sollten. Wow, denkt man, Gestaltung im Dienst der Gesellschaft. Das sieht man den Dingen gar nicht an. Der schöne Katalog tritt gegen diesen aufklärerischen Anspruch wieder einen Schritt zurück, wenn er eher abstrakt schreibt: „Für die sozialen Ansprüche seiner Auftraggeberin und die männlichen Besucher ihrer ‚Einrichtung’ bieten sie (die Stühle) einen soliden und ästhetisch funktionalen Rahmen.“ Apropos Lesen. Das Haus bietet wunderbare Broschüren in einfacher Sprache, die Dinge auf den Punkt bringen. Statt Texte an den Wänden, die eigentlich immer zu kurz sind für Aficionados und zu lang für diejenigen, die Ausstellungen nur überfliegen wollen, setzt das Haus auf Broschüren, die am Eingang der Abteilungen in Deutsch und Englisch ausliegen. Sie nimmt man mit zu den einzelnen Stationen und vielleicht auch mit nach Hause.
Neben solchen Texten ist es beinahe selbstverständlich, dass moderne Medien eingesetzt werden. Sabine Schulze erinnert sich an eine Schulklasse, die in der Islam-Abteilung steht, plötzlich kommt ein Junge angelaufen und berichtet von einer Animationsserie, die neben historischen Objekten zu sehen ist: „Voll cool.“ Die ‚Burka Avenger‘ aus Pakistan zeigt eine junge Frau, die im tra-ditionellen Gewand auszieht, die Ungerechtigkeit der Welt zu bekämpfen, ganz im Stil von Catwoman oder Wonderwoman.
Burka? Voll cool
Was aber ist Ihr wichtigstes Projekt? Die 63-Jährige sagt: „Die Sammlungen ständig neu zu interpretieren und interessant zu machen für aktuelle Fragestellungen.“ Eine halbe Million Objekte sind schließlich ein enormer Fundus. Und eine Mammutaufgabe – Stück für Stück das Herz des Hauses neuen Darstellungsmethoden und Präsentationsformen zu öffnen. Das geschieht durch starkfarbige Wände und reliefartige Einfassungen ebenso wie dadurch, dass die Dinge nicht nur als Einzelstücke herausgestellt werden, sondern in Form von Übersichten (alle Vasen eines Kulturkreises in einem Rund versammelt) einen ganz neuen Überblick über Traditionslinien, Ähnlichkeiten und Weiterentwicklungen geben. Seit 2012 erneuert das Haus die Display des Sammlungsrundgangs. „Normalerweise sind ausschließlich Sonderausstellungen für Besucher interessant, diese Tendenz konnten wir mit unseren Neuaufstellungen ein wenig modifizieren. Das Thema Weltreligionen findet großen Zuspruch.“ Gemeint sind die Abteilungen Islamische Kunst, Buddhismus, Judentum und Christentum, die in außerordentlich aufgeräumten Sälen und kompakten Präsentationen neu aufgestellt sind. Hier ist, trotz aller Nähe zum Besucher, zugleich auch der Wunsch spürbar, einen Ort der Ruhe zu schaffen, etwas, das Menschen allein über eine kluge Präsentation in den Bann zieht, die Raum schafft für Objekte und ihren Kontext.
Das Büro der Direktorin liegt im Untergeschoss, mit Blick auf Innenhof und Garten. Eine Bücherwand, davor ein kleiner, höhenverstellbarer Schreibtisch mit kleinen Figuren und zig Büchern, die da aufgeschlagen liegen. Mittendrin eine Postkarte mit der Aufschrift ‚Böses Ding‘ – ein Ausstellungstitel, aber auch eine erfrischend selbstironische Referenz der Frau mit den langen, glatten Haaren, dem gemusterten Hosenanzug und dem freundlichen Lachen, das immer wieder aus ihr herausbricht. Seit Juni 2008 führt Sabine Schulze das MKG, der Vertrag wurde verlängert bis 2018. In Sachen Museum kann man der Leiterin nichts vormachen. Schließlich arbeitete sie bereits in der Neuen Sammlung in München, im Frankfurter Liebieghaus, war Kuratorin an der Schirn und Leiterin der Gemälde- und Skulpturensammlung für das 19. Bis 21. Jahrhundert im Städel Museum. Bei aller Erfahrung bleibt Sabine Schulze immer gelassen, ja überraschend bescheiden.
Böses Ding!
Dass das Haus sich mit Alltagsdingen beschäftigt, also „niederschwellig“ auftritt, empfindet sie als großeHerausforderung. „Design beeinflusst unseren Alltag, diese politische Dimension nehme ich sehr ernst.“ Gerade diese Haltung macht das Haus so sympathisch. Denn man betritt keine eindimensionale Designausstellung, auch keine reine Sammlung zum 20. Jahrhundert, die einiges leichter machen würde. Das MKG lebt von und durch seine Vielfalt. Gefragt nach dem Besonderen des Hauses antwortet Sabine Schulze: „4000 Jahre menschliche Kreativität und Gestaltungskraft.“ Der Epochen und Kulturen übergreifende Ansatz stelle die Auseinandersetzung mit dem Zeitgenössischen auf eine solide Basis. Das kann man in der Tat sagen. Im Zusammenprall des Gegensätzlichen, von High und Low, Alt und Neu, Populär und Elitär, schlägt das Haus Funken.
„Mich fasziniert das Nebeneinander von Hoch- und Populärkultur“,bekennt die Direktorin. Und fügt hinzu: „In welchem Museum kann man einer mittelalterlichen Madonnen-skulptur und einem Burkini begegnen?“ Wie gut, dass sie alles im Griff behält. Von der Kinderspielecke gleich neben der Verwaltung, in der man Dinge anfassen und benutzen kann, über Multimediainstallationen und Virtual Reality (in der Game Sektion) bis hin zur Kopernikanischen Wende der Museumsdidaktik, die auch mal Objekte aus der kunsthistorischen Vitrine holt, ja vom Sockel der Kunstnähe stößt, damit sie in seinem Gebrauchszusammenhang erfahren werden können. Das ist schon ziemlich viel für ein Haus, das als Vorbildsammlung und verkaufsfördernde Dauerausstellung des Industriezeitalters und seiner Gestalter begann.