Hochschullehrer im Portrait

Mareike Gast

Brücken schlagen ist ihr Metier. Rein fachlich in ihren Spezialgebieten Material und Technologie in Verbindung mit Design. Und in der Vermittlung des Wissens darüber als Professorin an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

Autorin Nina Shell

Dabei überlegte sie zunächst – nach den Leistungskursen Physik und Kunst in der Schule – Physik zu studieren. Das Vorhaben erledigte sich recht schnell nach einem Schnupperstudium, gar nicht wegen der Inhalte, wie sie sagt, sondern eher wegen der Art des Studierens in diesem Fach. Es folgte ein Jahr Foundation Studies in Art and Design am Central Saint Martins College of Art and Design in London, „ein sehr vielfältiges Angebot, bei dem man in alle Fachbereiche Einblicke bekommt“. Und in Teilbereichen vielleicht vergleichbar mit dem Grundlagenstudium an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Besonders attraktiv war für sie nicht nur die Interdisziplinarität in London, sondern auch die internationale Mischung von Studierenden. Diese beiden Komponenten ließen sie für ihr Hauptstudium dann auch eine Entscheidung für Eindhoven in den Niederlanden treffen. „Das war zwar nicht die inspirierendste Stadt, aber kondensierter als London und die Universität dort.“ Und frei entscheiden konnte sie sich – beide Hochschulen hätten sie nach der Bewerbung dort angenommen.
Wenn Mareike Gast allerdings die Möglichkeiten der heute in Halle (Saale) Studierenden mit ihrem eigenen Anfang der 2000er-Jahre in Eindhoven vergleicht, kommt sie fast ins Schwärmen: „Wenn ich jetzt sehe, welche Möglichkeiten die Studierenden hier in Halle haben, mit wirklich traumhaften Werkstätten und intensiver Unterstützung … diese Vorteile hätte ich, ehrlich gesagt, rückblickend als Studentin auch gern genossen!“ Ein weiteres Plus für sie ist die Tatsache, dass derzeit eine Materialbibliothek auf dem Campus Design der Burg aufgebaut wird, unter der Leitung von Professor und Materialspezialist Aart van Bezooyen. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kommilitonen wollte sie sich nach dem Studium nicht direkt selbstständig machen, „ich wollte zunächst in einem Büro arbeiten und Zugang zu Industrieprojekten bekommen, anstatt als Designerin Produkte zu entwickeln und zu entwerfen“.
Fünf Jahre freie Mitarbeit bei Nicola Stattmann in Frankfurt am Main ermöglichten ihr diese Einblicke – und manifestierten, nicht zuletzt geprägt durch ihr lebenslanges Interesse an Wissenschaft und Forschung, die Ausrichtung ihrer Tätigkeit auf material- und technologiebasierte Produktentwicklung. Danach folgte die Gründung ihres eigenen Büros für Industrial Design – und die stetige Entwicklung in Richtung Lehre. 2001 hatte Mareike Gast ihre erste Gastprofessur an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Auch regelmäßige, zwei- bis dreiwöchige Workshops an der Listaháskóli Íslands, Iceland Academy of Arts, festigten ihre Freude an der Lehrtätigkeit: „Gerade meine Spezialisierung auf Materialien und Technologien war in Island gefragt. Das hat wahnsinnig viel Spaß gemacht und tolle Ergebnisse gebracht, zumal die isländischen Studenten sehr aufgeschlossen und besonders interessiert waren für alles, was von außen an Ideen und Einflüssen ins Land kam.“
So war es nur die logische Folge, dass, als an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle 2016 eine neue Professur für den Schwerpunkt Material und Technologie installiert werden sollte, sich hier zu bewerben – mit Erfolg. „Mir geht es grundsätzlich darum, meine Faszination für die Material- und Technologievielfalt zu teilen. Die Vielfalt der Möglichkeiten, mit Materialien und Technologien Produkte zu formen, ist jetzt schon riesig, aber es kommen täglich viele dazu. Die Frage, die ich mir als Designerin stelle, ist, wohin möchte ich diese Potenziale lenken.“ Ein Aspekt, den sie nennt, ist das Thema Nachhaltigkeit, ein sehr akutes und aktuelles. „Da bietet meiner Meinung nach das Design die wunderbare Fähigkeit, diesen Themen auch mit Optimismus, Poesie und ganz anderen Denkweisen zu begegnen. Das heißt nicht, dass das Design in Konkurrenz zu Wissenschaft und Forschung tritt, sondern im Gegenteil, es geht darum, in Kommunikation und fruchtbare Auseinandersetzung miteinander zu treten. Schlussendlich ist es mein Ziel, mit den Studierenden die Zukunft aktiv zu gestalten. Da spielen Material und Technologien sowie natürlich Forschung und Entwicklung eine große Rolle.“
Dazu gehören für die Professorin nicht nur das Wissen über zukunftsweisende neue Materialien und Technologien, sondern ebenso die Vermittlung der Grundlagen. „Man muss als Designer auch in den Standard-Technologien firm sein, um in der ‚ganz normalen‘ Welt des Industriedesigns bestehen zu können.“ Außerdem: Alles baut aufeinander auf oder ist ineinander verzahnt.
Ob robotergestützte Fertigung, Biotechnologie oder Gentechnik – auf all diesen Gebieten tut sich derzeit imenses. „Dazu möchte ich den Studierenden Grundkenntnisse vermitteln, dass sie die technologischen Entwicklungen einordnen und sich als Designer vor allem kritisch mit ihnen auseinandersetzen können. Zum anderen möchte ich Kontakte und die Sprache vermitteln, die einen Austausch mit den Forschern ermöglicht, sowie die Kommunikation zurück zur Öffentlichkeit, zum Nutzer.“
Ganz konkret geht es dann auch um die interdisziplinäre Entwicklung von neuen Materialien und Technologien und deren Überführung in Anwendungen und Anwendungsszenarien. In Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg haben Mareike Gasts Studierende zuletzt zum Thema Biomineralisation gearbeitet – einem biologischen Prozess, in dem Organismen Minerale und mineralische Komposite herstellen, ohne Einsatz von hohen Temperaturen oder Druck. Dieser Prozess findet bereits in der Architektur ersten Einsatz: Bakterien produzieren Ziegelsteine auf bedeutend nachhaltigere Art und Weise als sonst üblich.
Die Studierenden entwickelten Technologien, um beispielsweise aus Abfallstoffen wie Getreidehülsen oder den Resten der Käseproduktion mithilfe der bakteriellen Biomineralisation neue Materialien als auch Produkte mit wunderbaren Eigenschaften herzustellen. Andere Studierende nutzten den Prozess der Biomineralisation, um persönliche Daten – auf DNA gespeichert – zu versteinern und ermöglichen so, digitale Erinnerungen als Schmuck zu tragen. Das Besondere ist sicherlich, dass diese Konzepte auf vielfältigen Laborexperimenten basieren, die die Studierenden selbst und in Kooperation durchgeführt haben.

Hochschullehrer

Burg Giebichenstein
Kunsthochschule Halle
Fachbereich Design
Lehrende: 4 Professoren, 5 wissenschaftliche bzw. künstlerische Mitarbeiter

Bachelorstudiengang: Industriedesign
Studienbeginn: Wintersemester
Abschluss: Bachelor of Arts (BA)
Regelstudienzeit: 8 Semester
Zulassung: Eignungsprüfung

Die Studienrichtung Industriedesign deckt die Bandbreite von strategisch-konzeptionellem Design über die Gestaltung nachhaltiger Objekt- und Lebenswelten, von narrativem und sensuell orientiertem Design bis zum Produkt- und Systemdesign sowie der Gestaltung digitaler Produkte und virtueller Szenarien ab.

Masterstudiengang: Industrial Design
Studienbeginn: Wintersemester
Abschluss: Master of Arts (MA)
Regelstudienzeit: 4 Semester (2 Semester bei 8-semestrigem BA)

Das projektorientierte Masterstudium Industriedesign trainiert die Studierenden in der methodischen Planung und Durchführung von transdisziplinären Gestaltungsprozessen sowie in der hierfür erforderlichen Team- und Kommunikationskompetenz. Die Wahlmöglichkeit verschiedener – auch studiengangübergreifender – Projektangebote bietet die Möglichkeit zur Vertiefung individueller Positionen. Studienziel ist eine hohe und originäre Konzept- und Entwurfskompetenz; die Fähigkeit, integrierte und ganzheitliche Gestaltungsstrategien zu entwickeln – in kritischer Reflexion mit gesellschaftlichen und kulturellen, mit wissenschaftlichen und technologischen, mit ökonomischen und ökologischen Bedingungen und Optionen der jeweiligen Aufgabe.
www.burg-halle.de
Foto: Adrian Parvulesco