Designer Chat

Studio Swine

Mal abgesehen davon, dass Schubladendenken gefährlich ist, würde man damit bei Alexander Groves und Azusa Murakami von Studio Swine (Super Wide Interdisciplinary New Explorers) sowieso nicht weit kommen. Ihre bisherigen Arbeiten passen in keine. Sie sind Kunst, Film, Produkt, Design und Experiment.

Autorin Katharina Feuer

Eure Arbeit ist sehr vielseitig. Was macht ihr eigentlich?
Studio Swine: Ja, sie ist schwer fassbar und das finde ich auch gut so. Das macht uns frei. Wir experimentieren, betreiben weltweit Materialrecherchen, entwickeln Skulpturen, Kunst, Geschichten. Und neben unseren Filmen entwerfen wir auch klassische Produkte wie Bänke für den öffentlichen Bereich.
Ihr habt euch während des Studiums am Royal College of Art kennengelernt und festgestellt, dass ihr ähnlich denkt? War das so?
Wir denken überhaupt nicht ähnlich. Asuza hat einen Ansatz, der sich aus der Architektur ableitet und ich bin mehr Künstler. Aber klar, irgendwie treibt uns beide die Neugierde um.
Euer Ansatz bei euren Projekten?
Der ist ganz unterschiedlich. Bei ‚Hair Highway‘ haben wir uns gefragt, wo die vielen Haare herkommen, die beim Friseur verarbeitet werden und die Spur bis nach China zurückverfolgt. Daraus entstand unsere Arbeit ‚Hair Highway‘ – angelehnt an das französische Art Déco im Shanghai der 1920er- bis 1940er-Jahre.
Materialien recyceln ist ein großes Thema für euch?
Ich mag das Wort Recycling nicht. Wir entdecken Materialien und erforschen ihre Einsatzmöglichkeiten.
Wie bei eurem aktuellen Projekt?
Es ist das zentrale Thema unserer ‚Fordlandia Collection‘. Naturkautschuk und seine vulkanisierte Form, Ebonit. Die Möglichkeiten für Designer sind riesig, weil das Material viel härter ist als weicher Kautschuk.
Die Kollektion trägt den Namen des Orts Fordlandia, den ihr auch besucht habt. Wie war’s im Dschungel?
Es war wirklich eine bizarre Situation, dort zu sein. Man fühlt sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Fordlandia ist keine Geisterstadt, obwohl Henry Ford mit seinem Projekt scheiterte …
… er wollte eine eigene Kautschukplantage führen, um günstiger Gummireifen zu produzieren.
Seine Vision hat uns sehr beeindruckt.
Und ihr baut auf seine Vision auf?
Wir wollen Fordlandia mit unserem Projekt neues Leben einhauchen. Man könnte Artefakte aus Naturgummi herstellen. Materialien kämen aus der Natur und der Automobilindustrie.
Stehlampe, Lounge Chair und Lehnstuhl. Das sind bisher Prototypen?
Die Kollektion soll erweitert werden und wir suchen einen geeigneten Produzenten. Wir fliegen bald in die USA, um das Projekt voranzutreiben.
Eure Neugierde bringt euch an viele Orte. Ihr seid monatelang durch USA, Brasilien, China und Europa gereist.
Stimmt.
Wie finanziert ihr das?
Das werden wir oft gefragt – wovon wir leben. Aber wir sind nur zu zweit. Und es ist erstaunlich, mit wie wenig Geld man tolle Geschichten und Projekte entwickeln kann.
Ein Beispiel bitte …
Nach unserem Abschluss 2010 wollten wir nach Brasilien. Ohne Stipendium, ohne finanzielle Unterstützung, ohne Kontakte. Wir sind durch die Straßen São Paulos gelaufen und haben uns inspirieren lassen. So entstand das ‚Can City Project‘.
Euer Film ‚Can City‘ ist wirklich schräg und beeindruckend.
Alles, was wir dafür gebraucht haben (Anm. d. Red.: Palmenblätter, Ziegelsteine, Sand, Aluminiumdosen, Holz), haben wir im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße gefunden. Ohne die klammen finanziellen Umstände wäre das Projekt so jedenfalls nicht entstanden.
Irgendwie bekomme ich diese Bilder nicht zusammen: der Mann, der auf den Straßen von São Paulo leere Aluminiumdosen einschmilzt und der auf euren Portraits – super stylish in Szene gesetzt.
(Lacht) Die stecken mich immer in einen Anzug! Ich weiß auch nicht, warum. Andererseits: In einer Person steckt immer mehr als ein Typ. Das trifft es ganz gut.
Eure interaktive Installation für Cos in Mailand war ein Publikumsmagnet.
Es war toll, zu sehen, dass es funktioniert. Mit Nebel gefüllte „Blüten“ zerplatzten. Nur spezielle Handschuhe halfen, diesen Vorgang zu verzögern. Es war magisch!
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