Interview über Hoteldesign

Joi Design

Sharing Economy und Rationalisierung durch Fusionen: Die Hotelbranche verändert sich, Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk, Geschäftsführer von Joi Design beschreiben, wie der Charme wieder ins Hotel zurückkehrt, was gutes Hoteldesign ausmacht.

Interview Thomas Edelmann

Wie verändert sich die Szenerie der Hotels, wie das Hoteldesign?

Corinna Kretschmar-Joehnk: Die Veränderungen entstammen nicht den kurzfristigen Trends, die auftauchen und wieder verschwinden, sondern längerfristigen Tendenzen. Mit uns allen hat der Wandel zu tun, die wir die Gesellschaft bilden und potentiell die Hotels besuchen. Unsere Bedürfnisse ändern sich mit unserer zunehmend digitalen Lebens- und Arbeitsweise. Das führt zu einer Hinwendung zu mehr Wohnlichkeit; eine nicht ganz neue Tendenz, die aber wichtig bleiben wird.

Wie verändern sich die Erwartungen der Reisenden?

CK-J: Man sehnt sich nach einem authentischen Gegenüber, möchte auf individuelle Charaktere treffen. Beispielsweise trifft man sich in der Hotellobby mit anderen. Schon immer war das Hotel ein Ort, wo so etwas beiläufig möglich ist. Heute ist eine Grundvoraussetzung ein gutes, kostenloses WLAN – eine technische Selbstverständlichkeit.

Peter Joehnk: Airbnb ist auch deshalb so groß geworden, weil man lieber in der Wohnung von echten Menschen wohnt, als in einem anonymen Hotelbunker.

CK-J: Die Hoteliers behaupteten zunächst, dass ihnen das nicht gefährlich wird. Tatsächlich ist genau der Hang zum Authentischen, Echten ausschlaggebend. Im Privatquartier muss nicht alles perfekt sein. Wichtiger ist, dass man einen gewissen Charme verspürt und inspiriert wird, sich wie bei Freunden aufgehoben fühlt. Die Hotelbetreiber möchten jetzt auch so sein und sich entsprechend darstellen.

Gibt es erste Konzepte, die den informellen Charme ins Hotel zurückholen?

PJ: Die gibt es schon lange!

CK-J: Es geht darum, sich zu öffnen. Man bekommt nicht sofort signalisiert, dass man sich in einer Hotelhalle befindet. Man läuft nicht unmittelbar auf die Rezeption zu, ohne dass die Orientierung zu kurz kommt. Der Empfangstresen thront nicht mehr in der Mitte, sondern ist vielleicht in einer Nische untergebracht. Es ist eine komplett neue Ausrichtung auch bei der Planung. Man tut ein bisschen so, als wäre man ein Café oder ein offenes Wohnzimmer, ein Co-working-Place, an dem sich die Nachbarschaft trifft.

PJ: Hotels sollen nicht mehr wirken wie Hotels. In Deutschland und der Schweiz ist 25hours seit einigen Jahren ein Musterbeispiel, wie so etwas aussehen kann. Der private Charakter steht im Vordergrund. Eigentlich wollen das inzwischen alle, auch die großen Ketten.

CK-J: Im Grunde ist das eine Rückbesinnung auf die Qualitäten des Hotels von vor 100 Jahren. Da gab es weder WLAN noch Co-working. Auch nicht so viele halböffentliche Plätze. Entsprechend hatte das Hotel eine andere Bedeutung, etwa mit dem Ballsaal als Ort großer Familienfeiern oder der Lobby, um gemeinsam den High Tea einzunehmen. Solche Dinge erleben nun ein Revival.

PJ: Damit geht einher, dass sich die Hotels auf Zielgruppen spezialisieren.

CK-J: Hoteliers sollten nicht mehr versuchen, es allen recht zu machen.

Man bleibt unter Gleichgesinnten?

PJ: Leute, die sich interessant finden, kommen leichter miteinander ins Gespräch.

Was bedeutet das für Konzept und Umsetzung?

PJ: Die Tendenz geht weg vom großen Zimmer, hin zu den komfortablen Public Areas. Dort kann man essen, trinken, arbeiten, Musik hören, aber eben auch Leute treffen.

CK-J: Während die Schwellen verschwinden, muss man als Gestalter für verschiedene Bedürfnisse wieder spezifische Orte schaffen, damit etwa ein diskretes Gespräch noch möglich ist. Auch Frauen, die alleine reisen, möchten vielleicht nicht mittendrin auf dem Präsentierteller sitzen.

Was kann das Hotel für die Stadt tun?

PJ: Die Hotels betreiben gastronomische Einrichtungen und möchten Leute aus der Stadt ins Haus holen. Zudem begreifen sie sich, wie schon gesagt, als Treffpunkt für Einheimische und Fremde. Oftmals bleibt das eher Theorie…

CK-J … die amerikanischen „Ace Hotels“ und „The Hoxton“ aus England haben das bis zu einem gewissen Grad perfektioniert. Ace gilt zudem mit Recht als Vorbild für das 25hours-Konzept. In deren New Yorker Hotel treffen sich die Hipster aus der Nachbarschaft. Die klappen ihre Laptops auf, arbeiten und tauschen sich aus. Die Leute, die da hinkommen machen es zu einem In-Place.

Was erwarten die Auftraggeber heute von Ihnen? Wie verändert sich Ihre Arbeit?

PJ: Das sind gute Leute, wunderbar in ihrem Job. Aber sie sind weder Architekten noch Soziologen, sondern Hoteliers. Sobald sie ein erfolgreiches Konzept am Markt bemerken, möchten sie es übertragen. In einer Branche, die mehr denn je von Unterschieden, von der gestalterischen Differenzierung lebt funktioniert das nicht. Uns gelingt es immer wieder, sie mit eigenständigen Lösungen zu überzeugen.

Was verändert sich strukturell?

CK-J: Die gesamte Szenerie ist im Wandel begriffen. Im vergangenen Jahr fusionierte Marriott mit Starwood. Es entstand die weltweit größte Hotelgruppe mit weit über einer Million Zimmern und 30 Hotelmarken. Marriott und Starwood waren schon zuvor unsere Auftraggeber.

PJ: Wir leben in Zeiten eines Umbruchs. Viele Hoteliers sind verunsichert. Auch aufs Design nimmt die Sharing Economy Einfluss. Es gibt Konzepte, Wohnungskonglomerate wie ein Hotel zu führen. Doch architektonisch und vor allem rechtlich bestehen da erhebliche Unklarheiten.

Und wie verändern sich die Briefings?

CK-J: Man wägt stärker ab. Selbst im Budget-Segment ist es heute möglich, in öffentlichen Bereichen Highlights aus edlen Materialien zu schaffen. Denn ein solches Highlight, das alle Besucher sehen, schätzen, fotografieren und diese Fotos im Internet posten, schafft Unverwechselbarkeit.

PJ: Vorgaben funktionaler Art waren früher zentral. Blumige Teppiche und eine Vielzahl von Mustern kamen zum Einsatz, damit man nur ja keine Flecken sieht. Auch Details und Farben so auszuwählen, dass man sofort weiß, bei welcher Marke man logiert, spielt inzwischen eine eher untergeordnete Rolle. Diese Art von CI-Denken gibt es nicht mehr, auch nicht das reine Funktionsdenken. Wichtiger ist, ein bestimmtes Lebensgefühl zu vermitteln. Man möchte den Gast glücklich machen.


Vita:

Joi-Design hat sich auf Hoteldesign  spezialisiert. Die Geschäftsleitung liegt bei Corinna Kretschmar-Joehnk und Peter Joehnk, die das Büro 2003 in Hamburg gründeten. Ihr Credo: eine individuelle Designidee transportieren.

www.joi-design.com

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