Designer Chat

Sigurd Larsen

Manche Menschen schaffen in ihrem Leben mit Leichtigkeit, was andere in fünfen nicht erreichen. Sigurd Larsen gehört zu ihnen. Der Designer und Architekt mit eigenem Büro in Berlin spricht drei Sprachen, ist Professor an der BAU International Berlin und wechselt mühelos die Maßstäblichkeit.

Interview Katharina Feuer

Du sprichst ja Deutsch! Sollen wir uns besser in Englisch unterhalten?

Sigurd Larsen: Und Du wirkst so erleichtert. Wir können gerne Deutsch sprechen.

Ich habe nicht damit gerechnet. In Berlin kann man sehr gut leben, ohne wirklich Deutsch zu beherrschen.

Wenn man sich mit Handwerkern und älteren Menschen unterhalten will, hilft es, Deutsch zu können. Ich hatte es in der Grundschule und außerdem lebe ich seit neun Jahren in Berlin.

Wie entstand der Kontakt zu Reform, ein Unternehmen, das Ikea-Küchen „hackt“?

Es ist ein dänisches Unternehmen, das in Deutschland Fuß fassen will. Dafür suchten sie nach einem deutschen Designer und sind auf mich gestoßen. Ich bin zwar kein Deutscher, aber meine Möbel aus Metall und Aluminium, wie ich sie auch für die nordischen Botschaften in Berlin entwickelt hatte, fanden sie so spannend, dass wir zusammengekommen sind.

Hattest du Vorgaben?

Eigentlich nicht. Die Idee von Reform handelsübliche Ikea-Küchen neu zu interpretieren, legt aber einige Rahmenbedingungen nah. Ich habe mich also entsprechend um die Fronten und Arbeitsflächen gekümmert. Der Inhalt ist Ikea.

Probleme … ?

… gab es nicht. Die Art, wie Michael Andersen und Jeppe Christensen, die CEOs von Reform, Ästhetik, Design und Geschichten kommunizieren, deckt sich mit meinen Vorstellungen. Es gab sofort eine Vertrauensbasis. Und: Sie haben an meine Ideen geglaubt.

Was ist jetzt das Besondere an deiner ‚SL‘ Küche?

Die Fronten erscheinen als eine Einheit. Dabei sind Details wie die Radien der Griffe entscheidend. Man muss sich das vorstellen wie bei einem Gesicht. So verändern kleinste Änderungen auch die Mimik der Küche.

Bist du experimentierfreudig?

Bei Materialien lösen sich immer verschiedene Phasen ab. Eine Weile habe ich mich mit Metall und Aluminium beschäftigt. Falten, schneiden, stanzen. Davor habe ich viel mit Beton, Leder und Kupfer gearbeitet. Beton kommt aus der Architektur, aber wenn man den Maßstab ändert, wirkt er gleich anders.

Und was ist mit technischen Entwicklungen wie dem 3D-Druck?

Ich warte besser, bis alle Kinderkrankheiten behoben sind. Ich mach’ das nicht verkrampft, aber wenn es zu einem Projekt passt, dann gerne!

Liegt dein Schwerpunkt nun bei der Architektur oder dem Design?

Es scheint mehr eine lokale Tradition zu sein, dass in Dänemark Architekten auch Möbel entwerfen. Daher stellt sich für mich die Frage nicht. Ich bin in beiden Welten gern unterwegs. Ich kann in unterschiedlichen Maßstäben arbeiten. Vorteil dabei: So bleibt die Begeisterung für beides. Das geht dem ganzen Team so.

Wie groß ist dein Team?

Gerade sind wir sieben.

Willst du mit deinem Büro wachsen?

Ich habe mit Kollegen gesprochen, die Büros mit 50 oder 100 Mitarbeitern haben. Ihr Tenor: Ab einer Größe von 20 Personen kann man nicht mehr bei jedem Projekt mitwirken. Zur Zeit genieße ich die Möglichkeit, überall involviert zu sein. Das kann sich ändern. Frag mich noch einmal in zehn Jahren.

Ich melde mich 2027 wieder. Wie bist du überhaupt auf Berlin gekommen?

Durch meinen ersten Job bei Topotek1.

Gab es für dich einen Zeitpunkt, an dem du zurück nach Dänemark wolltest?

Die ersten eineinhalb Jahre hatte ich meine Möbel noch in Kopenhagen. Aber dann war klar: Ich bleibe!

Deine Projekte realisierst du in Deutschland, Dänemark und den USA. Gibt es gravierende Unterschiede bei der Umsetzung?

In Dänemark baut man doppelt so schnell wie in Deutschland.

Das kann nicht sein!

Doch, tatsächlich. Das liegt zum einen an der Lust auf Neubauten. Es gibt Bezirke in Dänemark, die innerhalb von zwei Wochen eine Baugenehmigung ausstellen, während das in Deutschland gut ein halbes Jahr dauern kann. Zudem sind die Bebauungspläne präziser, genauer beschrieben. Da gibt es nicht viel Interpretationsspielraum, der in der Umsetzung viel Zeit kostet. Viele Fragen kommen erst gar nicht auf.

Fragen die Deutschen viel?

Ich erlebe sie schon als pessimistischer, kritischer, aber auch sehr interessiert. Man wird erst einmal komplett auseinandergenommen. Diese Art der Kommunikation hilft, sich selbst nochmals zu prüfen.

Zukunftswünsche?

Ich habe gerade einige Wohnhäuser und Hotelräume entworfen und umgesetzt. Wohnen in einem größeren Maßstab, das wäre spannend.

Definiere skandinavisches Design.

Regionales Design steht immer in Beziehung zur Landschaft, dem lokalen Klima und Materialien. Das heutige skandinavische Design entstand zu einer Zeit, in der man aus wenig möglichst viel machen musste. Das führte zu einem traditionellen Handwerk. Raue Oberflächen, bei denen beides, Optik, als auch Haptik eine Rolle spielen. Selbst fehlendes Licht und das raue, nasse Klima hatten einen großen Einfluss auf die skandinavische Architektur und das Zusammenspiel zwischen innen und außen.

Und dein Stil?

Wie fast jeder Designer versuche ich es zu vermeiden, einen Stil zu haben. Stattdessen will ich bei jedem Projekt das Maximum herausholen. Aber natürlich habe ich Präferenzen: Materialien, die gut altern, und der Wunsch, Dinge simpel und klar zu halten.

Du unterrichtest auch. Erst als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der UdK in Berlin, jetzt als Professor an der BAU International. Was reizt dich an der Lehrtätigkeit?

Dass ich mich nicht nur mit meinen eigenen Sachen beschäftige, sondern über den Tellerrand hinaus schauen kann. Man kommt auf andere Gedanken. Dieser Austausch ist mir wichtig. Und ich bringe aktuelle Projekte meines Büros in die Lehrtätigkeit mit ein. Dieser Praxisbezug hilft oft.

Es wird oft behauptet, das Studium in Deutschland sei zu theoretisch.

Die Theoretiker werden genauso gebraucht. Mein Ansatz ist eben ein anderer.

Motivierst du die Studenten?

30 Prozent von ihnen träumen von einer Selbstständigkeit. Motivation ist ein wichtiger Teil. Gerne erzähle ich von meinen Anfängen in Berlin, als ich mit einem Projekt und ziemlich unsicherer Basis mein Büro gründete.

Das war Dein Ziel, die Selbstständigkeit?

Ja, ich glaube schon. Kein Arbeitgeber bietet mir die Vielfalt, die ich tagtäglich erlebe. Ich habe sehr viel ausprobiert, von Landschaftsarchitektur, Städteplanung über Großprojekte, Wohnbau, Möbeldesign. Jetzt mache ich nur das, was ich mag. Design und Architektur.

Sigurd Larsen, vielen Dank für das Gespräch!

Sigurd Larsen Design and Architecture

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Sigurd Larsen

Some people easily achieve things in their life, whereas for others five lives wouldn‘t be enough to achieve the same goals. Sigurd Larsen is one of them. The designer and architect has his own studio in Berlin. He speaks three languages, is a professor at BAU International Berlin and switches effortlessly from large-scale architecture to small-scale design.

Author: Katharina Feuer

I am surprised that you speak German! Had we better speak English?

Sigurd Larsen: You appear to be relieved. We may well speak German.

I did not expect it. You can live very well in Berlin without having a command of German.

If you want to talk to craftsmen or older people, it helps to speak German. I learned it at primary school, and I have also lived in Berlin for nine years now.

How did the contact with Reform, an enterprise that “hacks” Ikea kitchens, come about?

It’s a Danish company that wants to gain a foothold in Germany. To achieve this, they were looking for a German designer and found me. It is true that I am not a German, but they considered my metal-and-aluminum furniture to be so fascinating that we got together. Furniture, by the way, which I had also evolved for the Nordic embassies in Berlin.

Did you have guidelines?

Not really. But Reform‘s idea to re-interpret standard Ikea kitchens required a general framework. Consequently I predominantly tackled frontages and work surfaces. The content is by Ikea.

Problems?

… There weren’t any. The way Reform’s CEOs Michael Andersen and Jeppe Christensen communicate esthetics, design and narratives, overlaps with my visions. There was a basis of trust immediately. And they believed in my ideas.

But what is so special about your ‘SL‘ kitchen?

The frontages look like an integrated unit. Details like the radii of the handles are decisive in this context. Imagine that you are looking at a person’s face. Like in facial expressions, the slightest changes will also change the look of a kitchen.

Do you like to experiment?

As far as materials are concerned, there are always various phases. For some time I dealt with metal and aluminum. Folding, cutting, punching. Before that I had worked a lot with concrete, leather and copper. Concrete comes from architecture, but when you change the scale, it takes on a different appearance.

And what about technical developments like 3D printing?

I’d rather wait until all teething problems are solved. I am not overly zealous in this respect, but if the technology fits a project, I am glad to use it.

What actually is your focus – architecture or design?

It rather seems to be a local tradition that in Denmark architects design furniture as well. So for me the question does not arise. I like to be active in both worlds. I can work with various sizes of project. The advantage is that in this way my enthusiasm for both fields remains intact. And it is the same for the whole team.

How big is your team?

There are seven of us at the moment.

Do you plan to expand?

I talked with colleagues who have studios with 50 or 100 staff. Their tenor is that if a team increases in size to 20 or more you are no longer able to be involved in each and every project. I now enjoy the opportunity of being involved in everything. This may change. Ask me again ten years from now.

I’ll contact you again in 2027. How did you come to Berlin?

Because of my first job with Topotek1.

Was there any point at which you wanted to go back to Denmark?

For the first one-and-a-half years my furniture was still in Copenhagen. But then it became clear that I would stay!

You implement your projects in Germany, Denmark and the USA. Are there major differences in how they are implemented?

In Denmark, building construction is twice as fast as in Germany.

You can’t be serious!

Yes, it’s a fact. On the one hand, this is due to a yearning for new buildings. There are districts in Denmark that will issue a building permit within two weeks, while in Germany this can take more than six months. And on the other hand, the development plans are more precise, more accurately described. Consequently there will not be a lot of room for interpretation that would take a lot of time to implement. Many questions will never arise at all.

Do Germans ask many questions?

I perceive them as more pessimistic, more critical, but also as very interested. For a start, you will be completely taken apart. This method of communication helps to re-evaluate your beliefs.

Wishes for the future?

I just finished designing and implementing several residential buildings and hotel rooms. It would be fascinating to tackle dwelling on a bigger scale.

Please define Scandinavian design.

Regional design is always connected with the landscape, the local climate and materials. Current Scandinavian design was created at a time when you had to make as much as possible out of a little. This led to traditional craftsmanship. Rough surfaces, characterized by an interplay of visual and tactile features. Even the lack of light and the rough and wet climate had a great influence on Scandinavian architecture and the interplay between inside and out.

And what is your style?

Like almost any other designer I try to avoid having a specific style. Instead, I want to make the most of each and every project. However, I do have preferences: materials that age well, and I want to keep things simple and precise.

You also work as a teacher. First as a research assistant at UdK in Berlin, and now as a professor at BAU International. What is the attraction of teaching?

That I am not only concerned with my own project but am able to think outside the box. It takes your mind off other things. To me, this exchange if information is important. I also incorporate my current studio projects in my teaching. This practical relevance often helps a lot.

It is frequently said that studies in Germany are too theoretical.

Theorists are also needed. But my approach is different.

Do you motivate your students?

30 per cent of them dream of becoming freelance. Motivation is an important part. I like to tell them of my beginnings in Berlin when I founded my studio having only one project and a rather insecure future.

But it was your goal to become a freelancer?

Yes, I think so. No employer will offer me as much variety as I experience every day. I tried my hand in many areas, from landscape architecture and urban planning to large-scale projects or housing construction and furniture design. Now I only do what I like. Design and architecture.

Sigurd Larsen, thank for your time!


Danish architect Sigurd Larsen (born 1981) lives and works in Berlin. He earned his master’s degree at the School of Architecture of the Royal Academy of Fine Arts in Copenhagen. Before founding his studio in 2009, Larsen had worked for renowned offices like OMA in New York, MVRDV in Rotterdam and Topotek1 in Berlin. You will find his furniture in shops and galleries the world over.