Materialplattform

Farbe im Kontext

In unseren Breiten haben Architekten, Innenarchitekten und Planer den richtigen Umgang mit Farbe zugunsten der weißen Wand etwas verlernt. Dies muss sich ändern – eine Botschaft der Fachveranstaltung in Hamburg.

Die geschwungenen Glasfassadenelemente der gerade erst fertig gestellten Elbphilharmonie reflektierten die Abendsonne – wer von der U-Bahn-Haltestelle Überseequartier in der Hamburger Hafencity Richtung designxport lief, konnte das Lichtschauspiel an einem frühen Novemberabend wunderbar beobachten.

Die Materialplattform – eine Kooperation der md und der Stuttgarter Raumprobe – hatte in das Hamburger Design Center designxport geladen, um Bauherren, Architekten und Innenarchitekten das Thema Farbe zu vermitteln. Denn: In unseren Breiten überragt der Eindruck, dass zugunsten der weißen Wand der richtige Umgang mit Farben verloren gegangen ist.
Hannes Bäuerle, Gründer und Geschäftsführer der Stuttgarter Materialagentur Raumprobe, bot einen Überblick an, um sich dem Thema zu nähern und fragte eingangs in seinem Vortrag ‘Farbe als Material – Material als Farbe’ “Welches Material hat keine Farbe?” Die Erkenntnis, dass uns Farbe immer und überall umgibt, folgte auf den Fuß. Ebenso, dass es weder einen helfenden roten Faden im Umgang mit Farbe gibt, noch ein richtig oder falsch. Lediglich: sensibel und assoziativ mit Farbe umgehen. Denn sie gibt nicht nur Orientierung und dient als Wiedererkennungsmerkmal für Marken und Produkte, Farbe ist ein zudem wichtig für die Wirkung von Architektur und beim Design. Ein unreflektierter Umgang hat bisweilen irritierende Folgen.
Das bestätigt auch Friederike Tebbe in ihrem Beitrag ‘Farbe und Raumerfahrung’. Die Künstlerin und Inhaberin des Berliner studio farbarchivs veranschaulichte mithilfe einiger Bilder das fast stümperhafte Vorgehen bei Bauvorhaben, insbesondere bei Fassaden. Die Atmosphäre einer pitoresken, in die Abendsonne getauchten italienischen Piazza kann nicht einfach nach Berlin transportiert werden. Ein knalliges Gelb in der grauen Betonwüste Berlins wirkt nicht freundlich, sondern schreiend deplatziert. Wer Farbigkeit wünscht, kann daher die Umgebung nicht ignorieren. Friederike Tebbe gab zu Bedenken, dass man Farbe nie allein, sondern immer im Kontext sehen müsse. Die Wirkung vermeintlich nebensächlicher Elemente wie Schalter, Klinken, diverse Tür- und Fensterrahmen sowie Steckdosen sei nicht zu unterschätzen. Merke: “Eine Farbe kommt nie allein!”
Weitere Schwierigkeit bei Farben: ihre Einordnung und Bennenung. Bei etwa 11 Millionen unterscheidbaren Nuancen, verfügt der Mensch über lediglich 5000 Farbnamen, acht kann er benennen. So traurig, so wahr.
Als letzter Redner des Abends gab der Kölner Designer Simon Bach von Breitbanddesign bei seinem Vortrag ‘Welche Farbe hat Design?’ zu bedenken, dass nicht klar sei, ob Farbe den gestaltenden Menschen präge oder der Designer die Farbe bestimme. Wagemutig seine These, Goethes Farbtheorie sei heutzutage irrelevant und überholt. Bach schlug mehrmals die Brücke zum Höhlenmenschen und dessen Farbwahrnehmung, wagte auf der anderen Seite auch einen Blick in die Zukunft: die virtuelle Farbdarstellung, bald auch in 3D. In diesem Zusammenhang sprach Bach auch die Schwierigkeit der Farbwiedergabe an. Nicht bei allen Herstellern funktioniere das. Seine Zusammenfassung: Farbe bedeutet Harmonie, Kontrast und sollte im Kontext stehen.