Review imm cologne

Vom Etikettenschwindel und der Digitalisierung der Küche

Mit einem Besucherrekord senden imm cologne und Living Kitchen ein wichtiges Signal für die Möbelbranche. Optimismus beim Handel und neue Chancen für den Export geben einen positiven Impuls für 2017. Nur die Suche nach Neuheiten, Trends oder gar Wohnvisionen endet unbefriedigend.

Autor: Jörg Zimmermann

Designer sind Augenmenschen, Journalisten wollen Fragen stellen. Design-Journalisten sollten beides, schauen und Fragen stellen. Wobei, auf die interessanten Fragen – Zum Beispiel, warum so viele Angebote so ähnlich sind? – kaum befriedigende Antworten zu bekommen sind. Die anderen Antworten sind wie viele Fragen: austauschbar. Für den Besuch auf der imm in Köln kann deshalb nur gelten, mit offenen Augen durch die Hallen zu streifen, zu analysieren und nach besten Wissen (und Gewissen) auch zu spekulieren. Los geht‘s, wir fangen mit dem Ende an.
Zufriedenheit bei der KölnMesse
Nach Abschluss der Messewoche sieht man bei den Verantwortlichen durchweg zufriedene Gesichter. Erstmals wurden für das Messe-Doppel imm cologne und Living Kitchen mehr als 150.000 Besucher gezählt. Von den 104.000 Fachbesuchern kamen rund 48.000 aus dem Ausland, das entspricht einem Plus von vier Prozent. Von den Zahlen her offensichtlich ein guter Jahresauftakt für die Branche, Köln wird seinem Ruf als internationaler Handelsplatz gerecht.
Frische Brise aus dem Norden
Am Rhein wird verkauft, was lieferbar ist. Und was dem Zeitgeist entspricht. Dem sind offenbar Hersteller aus dem Norden Europas hart auf der Spur. Möbel in helleren Hölzern, auf einem hohen handwerklichen Niveau gefertigt, scheinen weiterhin und vermehrt gefragt. Immer mehr Firmen aus Dänemark, Schweden oder Finnland nutzen die Gunst der Stunde und suchen in Köln den Anschluss an Märkte jenseits der eigenen Grenzen. Namen wie BRDR Krüger, Woud, Andersen und Skagerak stehen hier für eine frische Brise.
Etikettenschwindel
Mitreißende Must-See-Neuheiten sind in Köln rar, auch dann, wenn man den Begriff „Neuheit“ weit interpretiert und simple Produktvarianten in die Liste mit aufnimmt. Doch ganz ehrlich: ein Polstermöbel in einer anderen Stoffvariante, ein Stuhl in der aktuellen Trendfarbe – da macht das Label „Neuheit“ kaum Sinn. Der Trestle Table von Arco oder Rail von KaschKasch bei Zeitraum machen da eine bessere Figur, weil sie nah an den Bedürfnissen der Kunden gedacht und realisiert sind. Willkommen sind auch Produkte, die den Weg zu einer anderen Ästhetik andeuten. Der Lounge Chair D1 von Stefan Diez könnte in diese Kategorie fallen, wenn er auch bei Wagner verschämt versteckt hinter Gazebahnen präsentiert wurde – oder sollte diese visuelle Zumutung nur als Trick zur Aufmerksamkeitssteigerung gedacht gewesen sein?
Produkt-Ratatouille
Immer wieder neu überraschend ist die mangelnde Prägnanz der Messestände. Isoliert betrachtet sind viele Präsentationen durchaus passend funktional, doch im Gesamtbild einer Halle offenbart sich, wie wenig differenzierend hier gestaltet wird. Markenbildung durch eine eigenständige Standidee beherrschen nur wenige Unternehmen, bei einer imaginierten Markenkonsistenz auch im Produktportfolio wird die Luft dann arg dünn. Mancher Katalog erinnert mit der Breite des Angebots vom Accessoire bis zum ausgewachsenen
Polstermöbel an die Speisekarte eines Lieferdienst, leckere Spezialitätenküche erwartet dort niemand mehr. Könnte an dieser Stelle nicht eine Chance für clevere Unternehmen mit strategischem Weitblick liegen, jenseits des Neuheiten-Wettlaufs dem Markt und dem eigenen Business wertvolle Impulse zu geben?
Im Hinterhof der Moderne
Eine Messe wie die imm cologne kann im besten Fall mit Projekten wie „Das Haus“, in diesem Jahr entworfen von Todd Bracher, Diskussionen um Standpunkte anregen. Doch Grenzen wurden damit kaum verhandelt, da musste man schon in den „Hinterhof der Moderne“ reisen. Im Ehrenfelder Loft hatte Mike Meiré Möbel des Frankfurter Labels New Tendency schnodderig interpretiert und „arty“ inszeniert. Fast schon verwunderlich, dass solch unverkrampftes Jonglieren mit Positionen nicht öfter zu sehen ist. Die gut informierten Konsumenten von heute wollen mit Produktgeschichten unterhalten werden, auch den eigenen Standpunkt an anderen messen, denn Möbel und Einrichtung dienen seit jeher der Distinktion.
Es köchelt digital
Bleibt noch der Blick zur Living Kitchen. In die Küche, die längst Lebensraum Nummer eins in Haus und Wohnung ist. Wer mit einer Spur Naivität immer noch gehofft hatte, dass in der Küche weiter digitale Schonkost serviert wird, wird nach dem Willen der meisten Hersteller in Zukunft umdenken müssen. Kühlschrank, Backofen und Herd verständigen sich einfach untereinander oder können per App gesteuert werden. Noch mehr Assistenz versprechen dann Systeme wie Home Connect mit MyKie, einem niedlichen Helferlein, das Kochrezepte vorträgt und auf Zuruf den Backofen einschaltet, wenn auch der Sprachbefehl länger dauert als die manuelle Bedienung am Gerät. Sinnvoll sind hingegen Technologien, welche die Prozesse in der Küche steuern und überwachen. Sonden, die Gerüche erfassen und den Abzug einschalten, Detektoren für die Feuchtigkeit im Backraum oder clevere Temperaturregelungen beim Kochen. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis wirkungsvolle Unterstützungsysteme von digitalen Gadgets getrennt sind.