Essen in globalen Zeiten

Soul Food

Weltweit nehmen Künstler das gemeinsame Zubereiten und Verzehren von Speisen zum Anlass, auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Ihre Happenings kreisen um politische und wirtschaftliche Teilhabe. Oder einfach ums Überleben. Essen als Metapher.

Autorin: Yvette Mutumba

Als ich das erste Mal in Johannesburg war, übernachtete ich in einem neu gestylten Hotel im Stadtteil Braamfontein unweit der Wits School of Arts. Das Restaurant des Hotels war noch nicht fertiggestellt, sodass man sich zum Frühstücken eine andere Lokalität suchen musste. Direkt gegenüber befand sich das Father Coffee: klein, aber cool eingerichtet, mit bestem Kaffee – als Einstieg in den Tag perfekt. Daneben bot der Neighbourgoods Market „farm fresh food“ sowie „speciality goods“ an. Ein netter Ort. Ich fühlte mich gleich wohl. Mit seinen Gerüchen, seiner Ästhetik und Stimmung hätte der Markt genauso in Berlin, New York oder São Paulo sein können. Zugegeben: Das war es wohl – das Gefühl der Sicherheit, das Bekannte, das gute Essen in angenehmer Atmosphäre –, was mir diesen Moment in Johannesburg so zugänglich machte.
Wir leben in einem globalen Lifestyle-Zeitalter, das sich in Mode, Musik, Kunst, doch vor allem im kosmopolitischen Konsum von Essen reflektiert: food blogging, food porn, vegan food, local food, organic food, fast food, slow food … Essen ist die Metapher für das globale Kollektiv. Essen ist der Bestandteil von Alltagskulturen, Regeln, Riten, Schönheitsidealen. Essen steht aber genauso für den grundlegendsten Gegensatz, der unsere Welt definiert: für Mangel und Überfluss.
Speisen als Kunstmaterial
Somit erstaunt es nicht, dass Essen eigentlich seit Menschengedenken auch Thema in der Kunst ist. In der zeitgenössischen Kunstproduktion wird Essen zum einen als Medium verwendet. Das zeigten vor Kurzem verschiedene Positionen während der 13. Triennale Kleinplastik Fellbach 2016 mit dem Titel „Food – Ökologien des Alltags“. Doch woraus besteht die symbolische Qualität des Essens als künstlerisches Material? Lässt es sich rechtfertigen, dass für den elitären Kontext einer Ausstellung mit Gegenwartskunst Lebensmittel „zweckentfremdet“ werden – auch wenn es vorrangig um das Hinweisen auf globale Ungerechtigkeiten geht? Was ist die tatsächliche politische Bedeutung?
Denn die Arbeiten richten sich an ein Publikum, das sich dieser Unverhältnismäßigkeiten durchaus bewusst, nicht jedoch selbst davon betroffen ist. Inwiefern steht somit das visuelle, skulpturale Erlebnis letztendlich doch gegenüber einer politischen Fragestellung im Vordergrund?
Zumeist arbeiten Künstler, die sich mit Essen beschäftigen, eben nicht aus einem Kontext heraus, in dem Essen Mangelware ist. Die unfaire globale Verteilung von Essen dauert somit auch hier fort, trotz sicherlich guter Intentionen. Ebenso viele Künstler wie Aktivisten, aber auch „normale“ Bürger beschäftigen sich mit Themen, die globale Krisen definieren. Neben Essen ist das unter anderem der Klimawandel. Hier ist jedoch der Versuch, bestimmte Szenarien erfahrbar zu machen, wesentlich selbstverständlicher. Aufrufe beispielsweise, einen Tag lang auf den Gebrauch des Autos zu verzichten, keinen Müll zu produzieren oder den Konsum von Strom und Wasser zu reduzieren, sind Bestandteil einer zunehmenden Bewusstseinsmachung.
Kollaboratives Dinner
Einen Tag, an dem in Industrieländern auf Essen verzichtet wird, um in Solidarität mit den Hungernden dieser Welt diese wenn auch nicht vergleichbare Erfahrung zu machen, existiert nicht. Kunst, die sich mit Essen beschäftigt, ist kein Ersatz hierfür.
Schauen wir über die doch eher spezifische Sichtbarkeit von künstlerischen Produktionen hinaus und betrachten zum Beispiel Werbekampagnen der Welthungerhilfe oder Brot für die Welt, sind das ebenfalls rein visuelle Aufrufe – verbunden mit dem Ziel, Emotionen wie Mitleid und Besorgnis hervorzurufen. Die präsentierten Bilder sind aber so sehr Teil unseres Alltags, dass sie leicht lediglich zu einem beiläufigen, wenn auch stets präsenten Symbol des Problems werden.
In der Kunst gibt es eine weitere Art und Weise, sich mit dem Thema Essen auseinanderzusetzen: die performative Zubereitung und Ausgabe von sowie die Auseinandersetzung mit Essen als künstlerische Aktion. Ein Beispiel ist der Soul-Food-Pavillon aus dem Jahr 2012 des afroamerikanischen Künstlers Theaster Gates. Ein Forum, in dem Gates regelmäßig „Soul Food Dinner“ für Kollaborateure und Freunde zubereitete, um währenddessen die komplexen Historien der Zutaten und Gerichte zu diskutieren. Es ging hierbei um die offene Auseinandersetzung mit Themen wie Rasse und Ungleichheit anhand des Teilens von Essen.
Ein weiteres, ähnliches Beispiel ist Lanchonete.org (a.k.a. Associação Espaço Cultural Lanchonete), eine künstlergeführte, progressive, kulturelle Plattform in São Paulo. Sie beschäftigt sich damit, wie die Menschen in dieser enormen Stadt leben und überleben, teilen und arbeiten. Eine Lanchonete ist die lange Theke in einem Imbiss und als solche funktioniert das Projekt auch. Dahinter steckt die konzeptuelle Idee, innerhalb dieses Raums die Beziehung zwischen Stadt und Land, dem Zentrum und der Peripherie, zwischen den historischen und gegenwärtigen Migrationsströmen zu untersuchen, durch die São Paulo zum Epizentrum für Wirtschaft und Handel Brasiliens sowie zu einer der größten Städte der Welt wurde.
Während diese beiden Beispiele sich innerhalb des Aktionsradius der Initiatoren bewegen, um auf Probleme in deren Umgebung einzugehen, verweist ein drittes Beispiel auf politische Missstände außerhalb des eigenen Kontexts beziehungsweise dem des Publikums. Für die Documenta (13) errichtete die New Yorker Künstlerin Robin Kahn zusammen mit den Frauen von „La Cooperativa Unidad Nacional Mujeres Saharauis“ („Die Kooperative Nationaler Einheit von Sahrauis-Frauen“) ein Zelt als Ort, in dem das Schicksal der Sahrauis und ihres Kampfs um die vollständige Anerkennung ihrer Eigenstaatlichkeit als Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) bekannt gemacht werden sollte. Ein Konflikt, der in der massenmedialen Berichterstattung quasi vollständig ignoriert wird. Anhand tradierter sozialer Rituale, in deren Mittelpunkt die Gastfreundschaft der nomadischen Wüstenbevölkerung steht, sollten die Besucher bei Couscous und Tee aufgeklärt werden.
Konzeptorientierte Aktionen
Die Grenze zwischen künstlerischer und aktivistischer Aktion lässt sich bei diesen Kunstprojekten nur noch schwer ziehen. Deutlich wird jedoch: Essen bietet sich als Metapher für konzeptorientierte Praktiken und Aktionen an, da es auf unterschiedliche Art und Weise zur Reflexionsfläche der Zustände in unseren Gesellschaften einsetzbar ist. Essen kann zu Rohmaterial werden, zur Trope, also zum Vertauschen des eigentlichen Ausdrucks mit einem bildlichen Ausdruck. Es kann jedoch auch zur Identität und Erinnerung, zum Marker spezifischer Historien und damit auch zum Reflektor der Verflechtungen politischer Ökonomien des Überlebens in einer sich globalisierenden Welt dienen.
Aber: So sehr wichtige künstlerische Arbeiten mit der Metapher des Essens auch auf die globale Situation und damit auf deren Ungleichheiten hinweisen, sie anprangern und sich damit auseinandersetzen, so sehr spiegelt das genau jene Ungleichheiten wider.
Bei einer Auseinandersetzung mit und/oder Verwendung von Essen muss demzufolge immer das Verteilungsmodell berücksichtigt werden und ebenso, wie unterschiedlich es unsere Kontexte prägt.
Nehmen wir das zum Anlass, das Alltägliche nicht als selbstverständlich anzunehmen und das Nichtalltägliche als selbstverständlich. Genau das ist die Schnittstelle, an der Kunst und Essen wieder zusammenfinden können.
Als ich das erste Mal in Kampala war, übernachtete ich in einem familienbetriebenen Bed and Breakfast in Muyenga, Tank Hill, unweit vom Stadtzentrum. Zum Frühstück gab es frische Ananas, Mangos, Bananen und Maracujasaft. Würde mir jemand diese Früchte in Berlin, New York oder São Paulo zum Frühstück vorsetzen, würde ich sofort den Unterschied schmecken. Denn es liegen Welten zwischen dem intensiven Geschmack einer Mango vom Markt in Kampala und der aus dem Wholefoods in New York City.