Serie Smart Materials 19

Zulieferkette

Ei oder Henne, was gab´s zuerst? Die Frage der Fragen lässt sich auch fürs Möbeldesign stellen. Steht der Entwurf am Anfang einer Innovation oder ist es sein Material? Stark verflochten und sehr unterschiedlich sind die Wechselbeziehungen zwischen neuen Materialien und ihren potenziellen Chancen einerseits und den Ideen und Anforderungen im Möbel- und Innenausbau andererseits. Einmal ist’s so, einmal anders.

Es gibt wohl keinen Hersteller in der Möbelindustrie, der heute noch seine Bauteile alle selbst fertigt. Das beginnt bei Schrauben oder Scharnieren und reicht bis zu ganzen Baugruppen wie Schubkästen oder anschlussfertiger Elektronik. Rohmaterialien aus der Gruppe der Holzwerkstoffe sind schon lange ein Zulieferprodukt, das von dem verarbeitenden Unternehmen nur noch auf Format gebracht und mit der finalen Oberfläche versehen wurde. Inzwischen bieten aber auch in diesem Bereich immer mehr, teils hoch spezialisierte Hersteller Zulieferteile, die bereits einbaufertig geliefert werden. Die unterschiedlichsten Möbelkomponenten und Zulieferteile werden in geforderter Qualität und Stückzahl extern gefertigt und später kundenspezifisch in die Fertigungsabläufe integriert. Nur die Schlussmontage erfolgt im namengebenden Unternehmen, welches das Endprodukt schließlich unter seiner Marke auf den Markt bringt. Bei genauer Betrachtung eines Bürostuhls, Möbelstücks oder einer Küchenzeile lässt sich allerdings feststellen, dass es durchaus Zulieferer gibt, die sehr wohl selbst zur Marke geworden sind und dies mit ihrem Label auf den Zulieferteilen auch kommunizieren. Interessanterweise gelingt das bisher nur wenigen Materialherstellern. Oder wissen Sie, wer für Ihren Schreibtisch die Platte oder das Oberflächenfinish geliefert hat?

Wie eng die Materialanwender und Entwickler inzwischen verzahnt sind, zeigen die einschlägigen Fachmessen, auf denen sich die Zulieferbranche präsentiert. Dort gehen die Einkäufer der späteren Endprodukte auf Entdeckungsreise, suchen nach Innovationen, den besten Preisen und Lieferbedingungen. Nicht selten wurden innovative Oberflächen, Werkstoffe oder Verfahren auf eben diesen Messen schon vor langer Zeit zum ersten Mal gezeigt. Es dauert, bis diese dann auf den Verbrauchermessen im fertigen Produkt der “Öffentlichkeit” präsentiert werden.
Neue Materialien und Trends werden nicht einseitig von der Zulieferkette bestimmt. Ganze Branchen setzten erfolgreich auf den sogenannten “Push-pull”-Effekt. Damit werden verschiedene Strategien verfolgt. Eine gezielte Beeinflussung des Endkunden durch die Zulieferer ist nicht nur in der Branche der Furniere, Schichtstoffe und Folien zu beobachten. Ebenso starken Einfluss besitzen designorientierte Unternehmen und Gestalter, die es schaffen, neue Trends loszutreten, auf die dann wiederum die Zulieferer reagieren dürfen.
Es mir relativ egal, ob das Ei oder die Henne zuerst da waren. Hauptsache, es gibt heute beides in der gewünschten Qualität. Ebenso betrachte ich die wechselseitige Einflussnahme von Zulieferer, Gestalter, Verarbeiter oder Produzent nicht als Nachteil, sondern als eine wertvolle Bereicherung mit viel Potenzial.
Autor: Hannes Bäuerle