Serie Raum und Material 28

Traditionelle Imperfektion

Eine traditionelle Methode, Keramik zu reparieren, ist in Japan “Kintsugi” – die Goldverbindung. Tank Architekten übertrugen dieses und andere traditionelle Prinzipien auf den Innenraum. Mit dem ‘X-Change Apartment’ erproben sie zugleich ein ungewöhnliches Nutzungskonzept.

Das Unvollkommene wird in der japanischen Kultur nicht als ästhetischer Makel empfunden, sondern, im Sinne des im Zen-Buddhismus verwurzelten Prinzips des “Wabi Sabi”, sogar mit besonderer Wertschätzung betrachtet. Eine traditionelle Methode, Keramik zu reparieren ist beispielsweise “Kintsugi” – auf Deutsch die “Goldverbindung”. Dazu werden die Teile mit einem Kitt geklebt, in die feinstes Goldpulver eingearbeitet ist. Statt den Bruch möglichst unkenntlich zu machen, wird die Fehlstelle zum neuen Dekorationselement und macht ein Objekt zum Unikat.
Traditionelle Prinzipien wie dieses griffen Tank Architekten mit Sitz in Tokyo und Kyoto für die Umgestaltung einer Wohnung in ein Kunstatelier auf. Der etwas trist anmutende Beton-Wohnkomplex in Kyoto, erbaut 1971, liegt nahe der berühmten historischen Tempelanlagen und hat einen wunderbaren Blick auf die fünf heiligen Berge der Stadt. Der Besitzer des Apartments Rikki Sato, Designer aus Tokyo, entwickelte das Projekt ‘X-Change Apartment’ in Kooperation mit Tank-Gründer Naritake Fukumoto.
Das Konzept für die Nutzung der Wohnung basiert auf dem Tauschprinzip. Künstler können sich für einen einmonatigen Atelier-Aufenthalt bewerben und müssen dafür etwas im Tausch anbieten: etwa ein Bild, ein Produkt oder eine spezielle Fähigkeit – eine monetäre Miete ist nicht möglich. Das ungewöhnliche Nutzungskonzept sollte auch eine ungewöhnliche Konstellation in der Umsetzung haben. Die Arbeiten wurden nicht komplett von einer Baufirma übernommen, sondern in Teilen entstand liebevolle Detailarbeit, die das planende Tank-Team selbst ausführte.
Das ursprüngliche Apartment wurde zunächst von Gipskartonverkleidungen und Einbauten befreit und bis auf die Betonkonstruktion freigelegt. Spuren alter Befestigungen sind als weiße Stellen auf den Trägern sichtbar gelassen, die dämmende Deckenbeschichtung bekam einen weißen Anstrich. Nachdem der neue Zementboden eingebracht war, bildeten sich charakteristische Risse. Die Idee für die “Kintsugi”-Veredelung war bereits zu Beginn des Projektes vorhanden, nun wurde sie mit Unterstützung des Künstlers Shuhei Nakamura umgesetzt, der Goldpigmente mit Epoxydharz mischte und so das traditionelle Prinzip in einen räumlichen Kontext überführte.
Ein Teil der Wohnung ist als Bad-/Küchenblock abgetrennt. Der hierfür neu geschaffene Boden besteht aus einfachem Lärchensperrholz. Um diesen wasserfest und widerstandsfähig zu machen, wurde der Holzboden versiegelt. Eine klare Polyesterbeschichtung zieht sich über die Fläche, eingelegt ist eine Glasfaserarmierungsmatte aus dem Automobilformenbau. Dies macht den Aufbau als Komposit nicht nur konstruktiv stabiler, auch hier bezieht sich die Schichtung auf ein klassisches japanisches Handwerksprinzip: die Lackarbeiten “Urushi – Nuri”. Eine Holzfläche wird in der traditionellen Technik mit Jutestoff belegt und mit mehreren Schichten Harz veredelt.
Bei der modernen Interpretation von Tank bleiben die Schichten sichtbar und geben der Oberfläche eine transluzente Tiefe. Auch die Küchenarbeitsplatte wurde in der Holz-Komposittechnik ausgeführt.
Diese Oberflächen, die ihren Aufbau und ihren Entstehungsprozess erlebbar machen, werden im Raum konterkariert durch spiegelpolierten Edelstahl. Ein “perfektes” Material, das in seiner Wirkung aber wieder neue Mehrschichtigkeiten und kaleidoskopartige Blicke eröffnet. Die beiden Türen zu Dusche und WC sind damit verkleidet. In ihrer Bewegung ergeben sich neue Sichtbezüge, gleichzeitig dienen sie geöffnet als trennwandartiger Sichtschutz zum Umkleiden in der sehr kompakten Raumsituation. Das nur 47m² große Apartment ist nur minimal möbliert. Zwei Betten aus japanischer Kiefer gehören zum Inventar, sie sind ganz ohne Leim und Nägel konstruiert. Die Hölzer werden durch Steckverbindungen gefügt, genauso wie die Konstruktionen der jahrhundertealten Pagoden in der Nachbarschaft des Apartmentblocks.
Auch wenn die einzelnen Designelemente der Wohnung für sich sehr subtil bleiben, so schaffen sie im Zusammenspiel und Gebrauch eine feine, inspirierende Atmosphäre – mit Anklang an japanische Traditionen, ohne diese zu überzeichnen. Die Bewerber für den Raumtausch stehen jedenfalls bereits Schlange, es sind bislang meist bildende Künstler. Prinzipiell können sich aber Kunstschaffende jeder Richtung bewerben, betonen die Initiatoren und sind gespannt, wie vielschichtig sich das Projekt weiter entwickelt.
Autorin: Christiane Sauer
Fotos: Kenta Hasegawa