Chanel Showroom Amsterdam

Fassade aus Glasbausteinen

Modul für Modul: Mit Glasbausteinen verwandelten MVRDV ein traditionelles holländisches Stadthaus in ein transparentes Schmuckstück. Ein extravagantes Materialexperiment in Amsterdams Luxus-Shopping-Meile.

Als zerbrechlich, filigran und spröde gilt es und ist dennoch ein hoch belastbares, stabiles und äußerst widerstandsfähiges Material: Glas. Diese Eigenschaften haben das Team von MVRDV inspiriert, mit dem Werkstoff zu experimentieren und sowohl technisch als auch ästhetisch neue Einsatzmöglichkeiten zu erproben. Anlass bot ein Auftrag in Amsterdams bester Lage, der PC Hoofstraat, deren historische Wohnhäuser heute die Luxusshopping-Meile der Stadt bilden. Es sollte ein Gebäude für einen Flagship Store mit darüberliegender Wohneinheit konzeptioniert werden. Der Investor wünschte eine moderne Ausbildung der Geschäftszone, und zugleich die Erhaltung der Erscheinung der traditionellen holländischen Architektur.

MVRDV entwickelte das Gestaltungskonzept für die neue Fassade anhand des ursprünglichen Gebäudes, das abgerissen wurde. Die Original Proportionen wurde vertikal „gestretcht“, um die aktuell erlaubten Bauhöhen voll auszunutzen und größere Raumhöhen bis zu zehn Meter im Innenraum erzielen zu können. Die alte Konstruktion aus Mauersteinen wurde gestalterisch übernommen, das Material neu interpretiert: Glasbausteine in der Ladenzone, die in der oberen Wohnzone in Terrakottaziegel übergehen.

Die Umsetzung der Idee forderte ein ganzes Team an Spezialisten. Die massiven Blöcke aus Weißglas wurden vom italienischen Glashersteller Poesia in der Nähe von Venedig gefertigt. Die Delft University of Technology führte Belastungsversuche der Konstruktion durch und testete mögliche Klebstoffe. Es wurden Druckfestigkeiten von bis zu 10 N/mm2 gemessen, was dem Zehnfachen der Original-Ziegelfassade entspricht.
Materialtechnisches Neuland
Auch Temperaturbelastungstests wurden durchgeführt, die weit über den erwarteten Werten lagen. Der Werkstoff erwies sich also als bestens für die selbsttragende Fassade geeignet. Um die Transparenz der Steine auch im Verbund zu erhalten, wurde ein spezieller UV-härtender Klebstoff verwendet, der bei Raumtemperatur unter dem Licht einer UV-Lampe aushärtet. Das Material hat einen dem Glas vergleichbaren Lichtbrechungsfaktor, sodass es ebenso durchsichtig scheint wie die Steine. Da der spannungsausgleichende Kleber als Hochpräzisionsmaterial mit nur 0,3 mm Stärke aufgetragen werden muss, um seine optimale Festigkeit zu erreichen, entstanden höchste Ansprüche an die Ausführung. Die über 7000 handgefertigten Glasbausteine wurden in drei unterschiedlichen Größen produziert. Das flüssige Glas wurde in Stahlformen gegossen und anschließend geschliffen und poliert. Die Flächen der Quader mussten absolut parallel und die äußeren Maße exakt sein – mit einer maximalen Toleranz von nur 0,25 mm. Da dies keine gewöhnlichen Baustellentoleranzen sind, entstand die Konstruktion vor Ort in einer Art Laborsituation, bei der ständig bis zu zehn Experten am Aufbau arbeiteten.
Laborsituation in situ
Die erste Lage der Steine exakt herzustellen, war hierbei von größter Wichtigkeit für die Passgenauigkeit der gesamten Fassade. Sie wurde auf einem 60 cm hohen Sockel mit Stahlplatte platziert, dessen akkurat horizontale Ausrichtung mittels Laser eingemessen wurde.
Der Mauerwerkverband ist eine Replik der Originalfassade, die Fugen wurden nach dem Verkleben zusätzlich fein mit transparentem Silikon gedichtet. Fenster, gemauerte Fensterstürze und innenliegende Stützpfeiler sind ebenfalls komplett aus Glas und wurden in das Mauerwerk integriert. Die gesamte Konstruktion ist äußerst stabil, der Glasbogen der Fenster kann bis zu 42 kN tragen. Sollten Glasbausteine im Laufe der Zeit einmal beschädigt werden, können diese ausgetauscht oder gereinigt werden, feine Risse können mit Kleber und Spritzen in fast chirurgischer Präzision gefüllt werden.
Um einer möglichen Überhitzung durch die große Glasfläche entgegenzuwirken, wurde besondere Sorgfalt auf die Klimatisierung gelegt. Geothermische Bohrungen bis zu 170 m Tiefe sorgen in Kombination mit einer Wärmepumpe für ausgeglichene Temperaturen sorgen. Sie werden im Sommer zur Kühlung, im Winter zum Heizen herangezogen. Das anspruchsvolle Vorhaben wurde mit großem Einsatz aller Beteiligten umgesetzt. Die ungewöhnliche Transparenz erlaubt die Lesbarkeit der alten Struktur und gibt ihr einen irritierenden und poetischen neuen Charakter, der lokale Tradition mit Moderne vereint, Nähe mit Distanz – ganz im Gegensatz zur Gesichtslosigkeit der allgegenwärtigen, international austauschbaren Geschäftsfassaden vieler zeitgenössischer Innenstädte.
Ein Making of der Fassade aus Glasbausteinen sehen Sie hier
Autorin: Christiane Sauer